Spieletest zu Warcraft 3 Reforged: Ein Remaster mit Problemen – trotzdem gut genug?

Lesezeit: 8 Minuten

Von einem guten Start kann man bei Warcraft 3 Reforged, dem Remaster zum einstigen Echtzeitstrategiespiel-Hit Warcraft 3, nicht sprechen: jede Menge Kritik und Häme und noch mehr „Hate“ ist Blizzard nach der Veröffentlichung des Spiels entgegengeschlagen. Fakt ist: das Videospiel hat seine Probleme. Fakt ist aber auch: Warcraft 3 Reforged ist nicht so schlecht, wie so mancher „Hater“ der Szene anderen Spielern gern weismachen möchte. In unserem Spieletest verraten wir, ob Warcraft 3 Reforged tatsächlich der „Betrug am Spieler“ ist, den einige Fans propagieren.


Veraltete Grafik, langweiliger Spielablauf, kontrovers diskutierte Themen oder falsche Design-Entscheidungen: Auslöser für Skandale gibt es viele – und Skandale um misslungene Videospiele sind nicht neu. Nahezu jede Publisher hat es bereits erwischt, einige mehrmals. Nun ist wieder Blizzard an der Reihe. Nach der Veröffentlichung von Warcraft 3 Reforged haben Fans ordentlich zugelangt, fair ist die Kritik dabei nicht immer geäußert worden. Auch einige Medien waren sich nicht zu schade und haben kräftig mitgemischt im ersten Gaming-Skandal des Jahres 2020.

Warcraft 3 Reforged: Das schlechteste PC-Spieler aller Zeiten?

Die Kritiken zu Warcraft 3 Reforged waren teilweise vernichtend, insbesondere auf Seiten der Fans. Mit einem Userscore von 0.5 Punkten rangierte Blizzards Remaster zu Warcraft 3 auf der Plattform Metacritic bereits kurz nach Release tief unten im Keller. Und die Kalifornier halten die rote Laterne immer noch. Klar, Metacritic ist im reinen Userbereich kaum als seriöse Wertungsplattform zu verstehen; vielmehr scheint das Portal für Hass-Kampagnen enttäuschter Fans instrumentalisiert zu werden. Auch bei Warcraft 3 Reforged ist das der Fall – allerdings scheint mit dem Spiel – selbst bei wohlwollender Grundstimmung – etwas nicht zu stimmen, wenn Spieler ihren Unmut so eindringlich äußern.

Ist es wirklich möglich, dass Blizzard aus der grandiosen und mit Höchstwertungen überhäuften Vorlage einen Total-Verriss produziert hat? Ja und nein. Warcraft 3 Reforged funktioniert als Spiel, so wie es bereits im Jahr 2002 der Fall war. Viel verändert hat Blizzard ohnehin nicht. Eine aufgebohrte Optik und verbesserter Sound stehen einem Spielprinzip gegenüber, dass man so auch im Original findet. An den vorhandenen Inhalten kann es nicht liegen, dass Warcraft 3 Reforged so abgestraft wird.

Alles beginnt mit einem unerfahrenen Prinzen und seine Mentor. Screenshot: André Volkmann

Alles beginnt mit einem unerfahrenen Prinzen und seine Mentor. Screenshot: André Volkmann

Acht Kampagnen mit insgesamt knapp über 60 Missionen bieten Solospielern nicht weniger Stunden Spielspaß als vor 18 Jahren. Lediglich kleine Veränderungen haben die Entwickler für das Remaster vorgenommen, die jedoch als eine Modernisierung anzusehen sind. Wenn etwa die Map „Stratholme“ viel mehr dem Setting gleicht, das Spieler im MMO World of Warcraft vorfinden, dann ist die Veränderung eine konsequente Angleichung an heute gegebene Szenarios im Warcraft-Universum. Schlechtes kann man darin nicht sehen. 

Zumal die Missionen spielerisch so mitreißend sind wie eh und je. Plötzlich ergeben sich neue Nebenmissionen, die zu Abstechern in unerforschte Gebiete der Karte einladen und mit Ausrüstung locken. Man entdeckt in einen Hinterhalt geratene Einheiten, die sich dem Spieler nach der Rettung anschließen. Das macht Spaß und motiviert.

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Warcraft 3 Reforged bietet vieles, das ein Remake bzw. Remaster bieten muss. Offensichtlich sind da zunächst die neuen HD-Modelle der Helden, Einheiten und Monster. Alles ist eine Spur detaillierter, farbiger und moderner. Das sollte auch für die Zwischensequenzen gelten, die nämlich hatte Blizzard noch auf der BlizzCon im Jahr 2018 als cineastisches Wunderwerk angespriesen – mit wilden Kamerafahrten, spannungserzeugenden Nahaufnahmen und tollen Animationen. Geblieben ist davon in der fertigen Version von Warcraft 3 Reforged – genau: nichts. geboten wird nun das, was Veteranen längst aus dem Original kannten und was Neueinsteiger heute kaum begeistern kann. 

Weil Blizzard Spielern den Unterschied und die technischen Möglichkeiten schmackhaft gemacht hat, wirken die Zwischensequenzen nun lieblos abgearbeitet. Da bleibt man sich der Leitlinie eines „Remaster“ irgendwie treu: Verändere im Detail, aber mache so wenig wie möglich. Alles sieht zwar ein wenig hübscher aus, Mühe hat man sich aber wenig geben wollen. Das hat den faden Beigeschmack des Abkassierens.

Die Zwischensequenzen sind nah am Original - für viele Spieler ein Kritikpunkt. Screenshot: André Volkmann

Die Zwischensequenzen sind nah am Original – für viele Spieler ein Kritikpunkt. Screenshot: André Volkmann

Zumal nicht nur alle technische Möglichkeiten vorhanden gewesen wären, sondern auch eine der vielleicht grandiosesten Hintergrundgeschichten, die die Videospiel-Szene zu bieten hat. Das Drama um Arthas Menethil böte Stoff für einen Kinofilm – und Blizzard verpasst die Chance, die Story zeitgemäß zu inszenieren.

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Insgesamt ist Warcraft 3 Reforged alles andere als hässlich. Es scheint vielmehr, die Entwickler hätten an Stellen gearbeitet, die keiner Überarbeitung bedurft hätten – dafür wurde die notwendigen Nachbesserungen aber nicht vorgenommen. Die Landschaften sind überwiegend schick, driften jedoch optisch bisweilen ins Belanglose ab. In Kombination mit der Kameraansicht wirkt das nicht immer stimmig.

Unfreiwillig komisch wirken manche Szenen durch die hölzernen Animationen. Wenn Prinz Arthas, ausgerüstet mit mächtigem Zweihandhammer und gewandet in schwerer Rüstung, elfengleich seinem Mentor Lord Uther entgegen hüpft, dann kann man sich das Schmunzeln kaum verkneifen. 

Immer wieder treiben kurze Dialogsequenzen die Story voran. Screenshot: André Volkmann

Immer wieder treiben kurze Dialogsequenzen die Story voran. Screenshot: André Volkmann

Hätte Blizzard sich bei der Optik wenigsten so viel Mühe gegeben wie bei der Vertonung, wäre das Gesamtbild vermutlich deutlich besser. Soundtechnisch passt es bei Warcraft 3 Reforged nämlich, abgesehen von einigen lächerlichen Neuvertonungen. Immerhin: Die Porträts sind nahezu lippensynchron, die soundleeren Plapperanimationen von damals sind Geschichte. 

Ein No-Go: Interface frisst Bildschirm

Wer Warcraft 3 Reforged zum ersten Mal startet, wird überrascht sein von der „filigranen Arbeit“, die Blizzard bezüglich des Benutzer-UI hingelegt hat. Das Interface ist – im wahrsten Sinne des Wortes – der größte Feind des Spielers. Bezogen ist das vor allem auf die schier ausufernden Dimensionen der „Steuerleiste“. Das Benutzer-Interface in Warcraft 3 Reforged verdeckt viel vom Spiel, bietet dafür aber keinen nennenswerten Gegenwert. Will heißen: trotz der gigantischen Größe hat das UI nichts, das man nicht auch mit einem Drittel weniger Fläche erreicht hätte. 

Viel Grafik für wenig Funktion. Man beachte das bullige Interface. Screenshot: André Volkmann

Viel Grafik für wenig Funktion. Man beachte das bullige Interface. Screenshot: André Volkmann

Weil so mancher Spieler das bereits von World of Warcraft kennt, ist die Problemlösung bekannt: Ins Menü wechseln und einfach das UI auf eine erträgliche Größe herunterskalieren. Nicht bei Warcraft 3 Reforged. Das ist nicht nur nicht zeitgemäß, sondern insbesondere bei hohen Auflösungen hässlich. Der Funktionsumfang der UI ist dabei fast Null: Klar, die Ausrüstungsgegenstände wollen gut erreichbar sein, um aktiviert zu werden und ähnliches gilt auch für die Charakterfähigkeiten, derart überdimensionierte Action-Buttons hätte es trotzdem nicht sein müssen. Weniger ist heute mehr – auch beim Nutzer-Interface. 

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Teilweise unerklärlich wird es dann, wenn maximal zwölf Einheiten in dem Mega-Truppen-Fenster eingeblendet werden können – und zudem auch nur in dieser maximalen Größe zu einem Truppenverband zusammengefasst werden können. Ok, Warcraft 3 setzt auch als Remaster nicht auf ausufernde Massenschlachten. Wenn ich einen Gegner aber mit 50 Fleischwagen überrollen wollte, dann würde ich das gern auf einfach Art und Weise tun. Insgesamt ist die Steuerung des Spiels jedoch gelungen: direkt, ohne lange Wege und mit der Möglichkeit des Einsatzes von Kettenbefehlen. Dass Einheiten sind manchmal gegenseitig blockieren kann man hinnehmen, daran kranken viele Echtzeitstrategiespiele, insbesondere an durch die Maps bedingten „Einheiten-Kanälen“.

Mit dem roten Filzstift durch die Design-Liste

All die Kritikpunkte könnte man als nicht so wichtig bezeichnen, wenn das spielerische Konzept aufgehen würde; im Fallen von Warcraft 3 Reforged: wenn es vorhanden wäre. 

Blizzard hat nicht gegeizt mit den Streichungen. Inhalte, die im Original vorhanden waren, fehlen völlig. Da helfen den Entwicklern auch die Ausreden nicht. Ranglisten? Fehlen. Detaillierte Spielerprofile? Clans? Fehlen. Automatische Turniere? Fehlen, wurden laut Blizzard aber von Spielern kaum genutzt.

Im Kampf - auch beim Zoomen - läuft Warcraft 3 Reforge flüssig. Screenshot: André Volkmann

Im Kampf – auch beim Zoomen – läuft Warcraft 3 Reforged flüssig. Screenshot: André Volkmann

Das beeinträchtigt das Spiel nicht nur wegen den fehlenden Inhalten, sondern auch bezüglich dem, was vorhanden ist. Wie nach gegnerischen Spieler gesucht wird, ist derzeit ein Rätsel. Die einfachste Variante wäre: der nächstbeste Spieler wird, völlig unabhängig von seinem Skill, zu geordnet. Weil Blizzard sich vieles ziemlich einfach gemacht hat bei Warcraft 3 Reforged, ist davon auszugehen, dass es auch beim Matchmaking nicht anders ist. Wer sich die klassische Variante von Warcraft 3 herbeisehnt, wird ebenfalls enttäuscht. Reforged ersetzt dreist die alte Version, die über die Seite nicht mehr erhältlich ist. 

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Am Ende bleibt von Warcraft 3 Reforged der tolle Solo-Part. Das Spiel war seinerzeit allerdings vor allem im Mehrspielerbereich ein Highlight. Weil davon derzeit nichts zu spüren ist, verliert die Remaster-Version deutlich an Qualität. Nicht, weil das Spiel grundsätzlich schlecht wäre, sondern weil Blizzard den Fans all jene Inhalte vorenthält, die Warcraft 3 Reforged ausmachen könnten. 

Es macht Spaß, die Kampagne in runderneuerter Optik durchzuspielen. Es ist toll, die epische Story aufleben zu lassen – vor allem unter Bezugnahme auf das, was man aus World of Warcraft ergänzend kennt. Das Battle.net bräuchte es für Warcraft 3 Reforged allerdings nicht. Als reines Offline-Spieler hätte das Remaster solide Noten erhalten, als Multiplayer-Spiel, das es im Grunde ist, versagt die neue Version nahezu auf ganzer Linie. 

Die Missionen sind durchweg spannend: Hier trumpft Warcraft 3 Reforged auf. Screenshots: André Volkmann

Die Missionen sind durchweg spannend: Hier trumpft Warcraft 3 Reforged auf. Screenshots: André Volkmann

Als wäre das nicht genug, hat Blizzard auch beim Qualitätsmanagement den Rotstift angesetzt – zumindest scheint es bei der Fülle an vorhandenen Bugs so zu sein. Einige davon sind dermaßen kritisch, dass regelmäßige Neustarts nicht zu vermeiden sind. Unschön bei einem Entwicklerstudio, das sich bislang stets Qualität statt Quantität auf die Fahne geschrieben hatte.

Flüssig läuft Warcraft 3 Reforged dennoch, auch wenn viel los ist auf den vom UI freigelassenen Zweidritteln des Bildschirms. Lags gibt es auch, zeitweise selten – manchmal jedoch massiv. So ganz rund läuft es technisch also nicht bei Warcraft 3 Reforged. Immerhin: Blizzard arbeitet auf Hochtouren an dem Spiel. Ein erster Patch (1.32.1) behebt Fehler und sogar einige Kamerapositionen während der Zwischensequenzen. Zudem gehören einige Abstürze der Vergangenheit an. Blizzard hat damit einige der gröbsten Schnitzer bearbeitet – viel zu tun bleibt dennoch. 

Infobox

Spielerzahl: Solo-Modus (Kampagne, KI-Gegner) und Mehrspieler
Alter: ab 12 Jahren
Spieldauer: 60+ Spielstunden
Schwierigkeit: hoch
Langzeitmotivation: hoch

Publisher: Blizzard Entertainment
Entwickler: Blizzard Entertainment
Erscheinungsjahr: 2020
Plattformen: PC
Sprache: Deutsch
Kosten: 29.99 bis 39.99 Euro

Fazit

Bei der ganzen Kritik ahnt man schon, dass Warcraft 3 Reforged nicht das erhoffte Highlight ist. Das schlechteste PC-Spieler aller Zeiten ist das Remaster allerdings auch nicht. Die Wahrheit liegt, wie so oft, irgendwo dazwischen. Bei Warcraft 3 Reforged jedoch nur knapp über der Mitte. 

Das wohlige Gefühl der Nostalgie macht sich breit, wenn man Warcraft 3 Reforged zum ersten Mal startet. Und es bleibt vorhanden, solange man sich durch die Kampagnen und Missionen spielt. Die Story ist immer noch grandios, die Optik unterstützt das Geschehen auf einer soliden Ebene und die Inhalte und Abläufe der einzelnen Missionen wirken so frisch wie vor rund 18 Jahren. Wer das Warcraft-Universum mit all seinen ikonischen Figuren und Schauplätzen mag, wird von Warcraft 3 Reforged weitaus weniger enttäuscht sein als all jene, die auf ein  reines Wettbewerbsspiel gehofft haben.

Das Spiel krankt an der misslungenen Kommunikation seitens Blizzard – darin enthalten sind die vielen nicht eingehaltenen Versprechen. Man darf Spielern nicht sagen, was sie für ihr Geld bekommen werden und es dann nicht liefern. Es wäre verschmerzbar gewesen, wenn Blizzard nicht im Vorfeld gezeigt hätte, was man alles aus dem staubigen Strategiespiel-Skelett herausholen könnte, wenn man wollte. Vieles fehlt; von anderem, nämlich Bugs, ist zu viel vorhanden.  

Als Skandal haben wir das Echtzeitstrategiespiel aber nicht empfunden. Ja, das Spiel hat Probleme – viele davon wird Blizzard mit der Zeit aus der Welt schaffen. Bestünde Warcraft 3 Reforged nur aus dem Solospieler-Part, könnte man auch die Wertung 15 Punkte aufschlagen. So – und unter Berücksichtigung des aktuellen technischen Standes – bleibt nichts anderes übrig, als in Teilen abzuwerten. Klar ist jedoch: Warcraft 3 Reforged schreit förmlich so laut nach einem Nachtest wie kaum ein Videospiel zuvor.

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Warcraft 3 Reforged

29,99 Euro
6.8

Spieldesign

7.0/10

Story

9.0/10

Präsentation/Technik

5.0/10

Umfang

6.0/10

Gameplay/Steuerung

7.0/10

Pro

  • Immer noch grandiose Story
  • Überwiegend toller Sound
  • HD-Einheitenmodelle
  • Spannende Missionen
  • Fesselnder Spielablauf

Con

  • Zwischensequenzen kaum verbessert
  • Überdimensioniertes UI
  • Schwächen im Einheiten-Management
  • Fehlende Mehrspielerinhalte
  • Rätselhaftes Matchmaking

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André Volkmann ist hauptberuflicher Journalist mit Schwerpunkten in den Bereichen Lokalnachrichten und Spiele.

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