Blätterrauschen erweist sich im Test als schnörkelloses, aber dennoch hochkarätiges Würfelspiel aus dem Genre Roll-and-write. Nicht nur spielerisch überzeugt die Idee von Paolo Mori, die hierzulande im Kosmos Verlag erschienen ist, sondern auch optisch beziehungsweise thematisch: Für Spieler geht es durch die vier Jahreszeiten.


Roll-and-write-Spiele haben sich inzwischen als Genre im Gesellschaftsspielsegment etabliert. Autoren und Verlage veröffentlichen regelmäßig neue Spiele oder führen bestehende Reihen fort. Im Jahr 2020 hatte der Verlag Kosmos das Würfelspiel Blätterrauschen auf den Markt gebracht, für dessen Idee der Spieleautor Paolo Mori (u.a. Ethnos oder Dogs of War) sich verantwortlich zeichnet.

Würfelnd durch die Jahreszeiten

Bei Blätterrauschen ist der Name Programm: Im Gegensatz zu  Roll-and-write-Spielen wie Nochmal! oder Doppelt so clever geht es in dem Titel von Paolo Mori und Kosmos um ein Thema: die Jahreszeiten hat der Autor sich als Basis für die Gestaltung ausgesucht, entsprechend bunt geht es auf den Kreuzchen-Zetteln zu. Grundsätzlich ist das Thema zwar austauschbar, bei Blätterrauschen aber dennoch ein nettes Gimmick, das man gern in dieser Form registriert. 

Test Blätterrauschen Rezension Würfelspiel

Zwei Würfel und die Zeichenblätter – mehr braucht es nicht bei Blätterrauschen. Stifte liegen nicht bei. Foto: Volkmann

Die Zeichenblätter, die zwei beiliegenden Würfel und einige nicht beiliegende Stifte benötigt man, dann kann es auch schon losgehen. Die Anleitung ist für ein Roll-and-write vergleichsweise umfangreich, das liegt nicht an besonders komplizierten Regeln, sondern an deren Vielzahl: Während jeder Jahreszeit haben Spieler jeweils unterschiedliche Möglichkeiten, Punkte zu sammeln. Dankenswerterweise fasst man die Sonderregeln von Frühling, Sommer, Herbst und Winter in der Anleitung zusammen und erklärt, worum es dabei im einzelnen geht. Zur Sicherheit ist auf den Kreuzchen-Zetteln erneut angegeben, was man tun muss, um Punkte zu ergattern.

Schon dieser Kniff gelingt: vier Jahreszeiten bedeuten vier unterschiedliche Punktezettel und damit immer wieder etwas Abwechslung. Bei Blätterrauschen werden nicht bloß Kreuze gemacht, sondern hauptsächlich Rechtecke gezeichnet, deren Dimensionen die beiden Würfel vorgeben. Diese reichen von 1:1 für ein einzelnes Kästchen bis hin 4:4-Rechtecke. Hinzu kommen Wolken als Sondersymbol, die jeweils in Verbindung mit einigen Wertungsregeln stehen. Im Verlauf des Würfelspiels gilt es dann, Tiere einzuschließen, auszuschließen oder gar in Paaren einzukreisen; Bäume wollen in Massen oder Regenbögen als seltenes Gut gesammelt werden. Die Objekte orientieren sich an den vier Jahreszeiten.

Test Blätterrauschen Roll and write

Jede Jahreszeit hat ihren eigenen Spielplan und eigene Wertungsregeln. Das sorgt für Abwechslung und wirkt sich positiv auf den Widerspielwert aus. Foto: Volkmann

Weil man jeweils nur an bestehende Rechtecke anschließen darf, ist das Punkten bei Blätterrauschen durchaus knifflig, denn es schränkt die Auswahl ein. Noch weiter eingeschränkt wird man, weil man sich grundsätzlich jeweils nur einer Wertungskategorie pro Rechteck widmen kann. Das ist clever: So muss man nach dem Würfelwurf eine oft weitreichende Entscheidung treffen, die sich durch die Partie ziehen kann wie ein roter Faden. So geben alle sieben gesammelten Regenbögen auf dem Wertungsblatt zwar hohe 30 Punkte bei der Schlusswertung, führen allerdings auch dazu, dass man sie sammeln will oder gar muss, weil man bereits mehrfach Züge dafür verwandt hat. Das limitiert im Endeffekt die Optionen oder birgt die Gefahr, Kreuze zu verschwenden, die gar keine Punkte gewähren. Für etwas Linderung in solchen Frustmomenten sorgt ein Joker, den man einmal pro Partie verwenden darf, um mit ihm eine Würfelaugenzahl nach eigenem Bedarf zu ändern. Abstriche muss man bei der interaktiven Komponente machen, die existiert schlicht nicht bei Blätterrauschen. Wer auf Konfrontation aus ist oder von einem Roll-and-write-Spiel zumindest die Möglichkeit der zentralen Würfelmanipulation oder wenigstens das Nutzen eines Ergebnisteils während des gegnerischen Zuges erwartet, der könnte – zumindest von diesem Teil des Spielkonzepts – enttäuscht werden. 

Blätterrauschen richtet sich an zwei bis sechs Spieler, kann allerdings auch alleine gespielt werden. Das Grundregelwerk ist verständlich, der Einstieg gelingt schnell – auch Nichtspielern. Blätterrauschen ist durchaus ein Türöffner ist die Welt der analogen Spiele. Für den Preis von 13 Euro bekommt man Spaß für viele Stunden, 200 doppelseitig bedruckte Spielblätter liegen bei.

Infobox

Spielerzahl: 2 bis 6 / Solo
Alter: ab 8 Jahren
Spielzeit: 15 bis 20 Minuten
Schwierigkeit: einfach
Langzeitmotivation: mittel
Genre: Würfelspiel
Untergenre: Roll and write
Kernmechanismen: Würfeln, Zeichnen, Push your Luck, Set Collection

Autoren: Paolo Mori
Illustrationen: Elli Jäger
Verlag: Kosmos
Offizielle Website: Link
Erscheinungsjahr: 2020
Sprache:  deutsch
Kosten: 13 Euro 


Fazit

Paolo Moris Roll-and-write-Konzept punktet mit seiner Varianz bei den Wertungsmöglichkeiten. Es gibt viele Wege, Punkte aufs Konto zu bringen und je nach gewählter Jahreszeit ist immer wieder eine andere Strategie zielführender. Darin liegt gleichzeitig einer der größten Kritikpunkte: Im Frühling, Sommer, Herbst und Winter gibt es einige Punktechancen, die man quasi mitnehmen sollte – oder sogar muss, wenn man eine möglichst hohe Punktzahl anstrebt. Es wird ein leichtes Ungleichgewicht bei den Wertungsfaktoren spürbar je häufiger man Blätterrauschen auf den Tisch bekommt. Ausgerechnet der Glücksfaktor durch das Würfeln wirkt hier regulierend, denn so manche Taktik wird durch ungünstige Reihen hoher Würfe zunichte gemacht. So bleibt Blätterrauschen auch mittelfristig spannend. Gleichzeitig birgt das die Gefahr für Frustration über verpasste Chancen – wobei die Faustregel meist ist: Ein höheres Risiko geht mit mehr Punkten einher. Wer wenig riskiert, fährt sicherer, erntet allerdings auch deutlich weniger Zählbares.

Blätterrauschen ist eine kleine Überraschung, denn das Roll-and-write ist eine Art Genre-Vertreter mit einem besonderen Twist: Statt schnöde Zahlenwerte anzukreuzen, malt man auf schön gestalteten, wenn auch etwas zu klein geratenen, Blättchen. Abzüge in der B-Note gibt es demnach allenfalls bei der Übersicht, die durch den kleinen Spielplan in Verbindung mit dem massiven Einsatz von Stiftfarbe leidet. Daran gewöhnt man sich allerdings – oft hat man sich ohnehin gemerkt, wo welche Bereich umzeichnet worden sind.  

Moris Würfelspiel kombiniert einfache Regeln, einen hohen Wiederspielwert, spielerische Varianz mit dem ohnehin meist guten Unterhaltungswert von Roll-and-write-Spielen. Wie bei ähnlichen Genre-Vertretern wird die Downtime durch das gleichzeitige Abhandeln der Züge auf nahezu null gedrückt. Zeitweise entstand ein kleiner Hype um das Würfelspiel aus dem Hauses Kosmos – zu Recht, wie sich nach den ersten Partien herausstellt: Blätterrauschen motiviert durch seine verschiedenen Wertungschancen erst dazu, andere Strategien auszuprobieren, sitzen gute Herangehensweisen, möchte man seine persönliche Punktebestleistung verbessern. Interaktion sollte man von Blätterrauschen allerdings nicht erwarten, denn die gibt es nicht: Auch in voll besetzter Runde spielt jeder für sich, theoretisch ist es sogar völlig egal, wer die Würfel wirft. 

Nicht selten gehen Partien knapp aus, was auch an der Art der Schlussabrechnung liegt: Am Ende werden meist Zusatzpunkte zahlreich umgesetzt. Blätterrauschen kann als Familienspiel ein Abendfüller sein, eignet sich für Vielspieler als Lückenfüller und für Solospieler als Zeitfüller. 


Autor

Letzte Aktualisierung am 3.08.2022 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API. * = Affiliate Links. Bilder von Amazon PA-API