An “Die Tiere vom Ahorntal” kommt man zur Zeit schwer vorbei, wenn man sich in der Brettspielszene umschaut. Das Spiel mit dem süßen Artwork ist an allen Ecken präsent. In diesem Familienspiel versuchen die Spielenden den Winterunterschlupf  für ihre Familie so gemütlich wie möglich zu gestalten. Neben einem klassischen Worker Placement Mechanismus gibt es auch Dice Placement. Wie diese Kombination sich in der Praxis schlägt, soll diese Rezension zeigen.

Ende 2020 endete die Kickstarter-Kampagne vom kanadischen Verlag Kids Table Board Gaming (KTBG) mit knapp 9.000 Unterstützern, über einer halben Million gesammelter kanadischer Dollar und einem Ziel, das zu 2.200% erfüllt wurde. Dazu wurde das Spiel in die Top 10 der meist erwarteten Spiele 2021 auf BoardGameGeek gewählt. Die Erwartungen an das Spiel waren also hoch. Der Hype um das Spiel ist auch Wochen nach der Veröffentlichung noch präsent. Wie berechtigt dieser ist, und für wen das Spiel eine lohende Neuheit ist, soll in dieser Rezension nur betrachtet werden. Wir haben das Spiel nach den Regeln der zweiten Auflage betrachtet. Hier beträgt die normale Spielzeit 6 statt 8 Monate (Runden). Außerdem wurde die Angabe für das Alter von 8 auf 10 und für die Spielzeit von 45 Minuten auf 60 angehoben.

Der Spielplan im Ahorntal mit den Ideen-, Reisenden- und Verbesserungskarten Bild: Jonas Dahmen

Außen hui, innen auch

Das Artwork reiht sich nahtlos in die Reihe der wunderschönen Artworks ein, die bei KTBG quasi der Standard sind. Wenig überraschend ist auch im Inneren der Box das Optische von höchster Qualität. Alles ist absolut stimmig und harmoniert hervorragend miteinander egal ob auf den Karten, dem Spielfeld oder den Spielertableaus. Alle Karten (Ideen, Verbesserungen, Reisende, Wald und Wiese) sind eher dünn und haben ein sehr angenehmes Finish. Die geringe Dicke der Karten scheint keinen negativen Einfluss auf die Haltbarkeit zu haben. Im Test zeigten sich diese nicht anfällig für Knicke oder Ähnliches. Zu den Karten gibt es insgesamt 9 verschiedene Ressourcen, die nach dem ausplöppeln alle in den mitgelieferten, etwas überdimensionierten Plastikbeutelchen verstaut werden können. Dazu gibt es Holzfiguren, Holzgebäude und Würfel in den fünf Spielerfarben und vier Dorfwürfel.

Die insgesamt neun Ressourcen des Spiels: Münzen, Geschichten, Trostpflaster und die sechs Waren Bild: Jonas Dahmen

Klassisches Worker Placement mit Würfelmechanismus

Die Regeln und der Ablauf des Spiels sind schnell gelernt. Im Spielaufbau werden je eine der Frühlings- und Sommerkarten für Wald und Wiese entfernt, sodass in jeder der 6 Runde eine neue der Jahreszeitenkarten offen liegt. Nachdem die letzte Herbstkarte im Spiel war, kommt der Winter und die Endauswertung folgt.

Am Anfang jeder Runde wird im Gasthaus auf dem Spielplan eine neue Reisendenkarte aufgedeckt, die den Spielenden Effekte und Vorteile sowie Aktionsplätze bietet. Anschließend werfen alle ihre beiden Familienwürfel. Mit diesem Wissen senden alle gleichzeitig ihre Arbeiter aus. Das Besondere im Vergleich zu anderen Worker Placement Spielen ist, dass die einzelnen Orte nicht durch andere Spieler blockiert werden können. Alle haben immer alle Orte zur Auswahl. Die Orte bieten in klassischer Worker Placement Manier vor allem Ressourcen, mit denen dann an anderen Orten Verbesserungen erworben werden können beziehungsweise Handkarten bezahlt und ausgespielt werden können. Die genaue Zusammensetzung der verfügbaren Ressourcen ist von der Jahreszeit und den offen liegenden Wald- und Wiesenkarten abhängig.

Haben alle ihre Arbeiter platziert, werden die vier Dorfwürfel gewürfelt. Reihum können die Spielenden nun ihre Familienwürfel und die Dorfwürfel den Orten zuordnen, zu denen sie ihre Arbeiter gesendet haben. Können sie mit den verfügbaren Augen der Würfel die Orte freischalten, dürfen sie die entsprechende Aktion nutzen. Erlauben die Würfel dies nicht, oder man will eine bestimmte Aktion doch nicht nutzen, gibt es als Trost einen Trostpflaster-Token. Diese erlauben es, die Augenzahl eines Würfels für den eigenen Zug um eins zu erhöhen oder zu senken. Zum Abschluss des eigenen Zuges können dann Handkarten mit den gesammelten Ressourcen ausgespielt werden. Das Handkartenlimit beträgt wie auch die Starthand drei, zu der zu diesem Zeitpunkt gegebenenfalls abgeworfen werden muss. Anschließend werden die Dorfwürfel weitergegeben und der Nächste weist diese den Orten der eigenen Arbeiter zu.
Am Ende einer Runde gibt es das übliche “aufräumen”. Karten werden ausgetauscht und aufgeschoben, die Reisendenkarte verlässt das Gasthaus, neue Wald- und Wiesenkarten werden aufgedeckt und der Startspielermarker weitergegeben.

Die Komponenten für die Spielenden mit den Arbeitern, Würfeln, Gebäuden und dem Tableau, auf dessen Rückseite sich die Punkteleiste für das Ende befindet Bild: Jonas Dahmen

Zusätzlich enthält das Spiel auch einen Solomodus. Dieser wirkt aber im Vergleich zum restlichen Inhalt eher lieblos. Es gibt keinen Automa oder anderen künstlichen Mitspielerelemente. Mit den gleichen Regeln des Mehrspielerspiels begibt man sich auf Highscorejagd. Am Ende bekommt man einen lustigen Titel basierend auf den gesammelten Symbolen und der Anzahl bestimmter Elemente. Um das Spiel zu lernen ist es ganz nützlich, zeigt aber auch die Recht solitäre Art des Spiels.  Wer solo mehr möchte, als eine stumpfe Punktejagd, der sollte für eine Solopartie zu anderen Spielen greifen.

Infobox

Spielerzahl: 1-5 Personen
Alter: ab 10 Jahren
Spielzeit: 60 Minuten
Schwierigkeit: mittel
Langzeitmotivation: gut
Genre: Familienspiel
Kernmechanismen: Worker Placement, Dice Placement

Autoren: Roberta Taylor
Illustrationen: Shawna J. C. Tenney
Verlag: Board Game Circus / Kids Table Board Gaming
Offizielle Website: Link
Erscheinungsjahr: 2022
Sprache:  deutsch
Kosten: 45  Euro

Fazit

Der Board Game Circus hat mit Die Tiere vom Ahorntal ein grundsolides Familienspiel im Programm. Dieses bringt eine sehr schöne Optik mit. Mit dem Spiel wird das Rad zwar nicht neu erfunden, doch die eigene Kombination aus Worker und Dice Placement funktioniert zufriedenstellend.

Thematisch ist das Spiel in bekannten Gefilden unterwegs. Wald- und Tierthemen sind weit davon entfernt neu oder einzigartig zu sein und doch funktionieren sie immer wieder gut. Gerade für das Artwork bietet dieses Thema sehr viel Spielraum für eine schöne und fantasievolle Gestaltung, was hier auch wunderschön umgesetzt wurde. Auch haben es einige kleine Brettspiel Easter Eggs in Form von Fossilis (ebenfalls KTBG), Everdell und Flügelschlag ins Spiel geschafft, die aufmerksame Spielende auf Ideenkarten entdecken können. Trotzdem schafft es das Spiel nicht immer, die Thematik des Winterunterschlupfbaus gänzlich überzeugend rüber zu bringen. Dafür bleibt es an manchen Stellen zu mechanisch. Bis auf die maximal vier möglichen Verbesserungen entwickeln sich die eigenen Optionen im Zug nicht wirklich weiter. Die Verkürzung des Spiels in der zweiten Auflage von acht auf sechs Runden tut dem Spiel sehr gut.

Das Material des Spiels ist gut. Die Farbe der roten Holzelemente geht eher ins bordeauxrote und grenzt sich im Vergleich zu den roten Würfel nicht so klar von den violetten Elementen ab. Die Karten sind spürbar dünner, als man es aus vielen anderen Spielen kennt. Wie sich das langfristig auswirkt lässt sich an dieser Stelle nicht beurteilen. In den Testpartien ließ sich keine verstärkte Anfälligkeit der Karten für Knicke oder Verbiegen feststellen. Die insgesamt neun Ressourcen sind klar erkennbar. Auch die Ikonografie auf den Karten ist hier eindeutig. Die einzelnen Token sind alle eher klein. Jedoch nicht so klein, dass der Umgang mit diesen zu einer großen Herausforderung wird.

Das übersichtlich gestaltete Regelwerk macht es einfach, den Weg ins Ahorntal zu finden. Beim Solomodus, der trotz der Verkürzung im Mehrspielerspiel wohl immer noch über acht Runden gespielt werden soll, da die Punktzahlen der einzelnen Stufen nicht verändert wurden, wäre etwas mehr Fantasie wünschenswert gewesen. Hier wird die im Kern solitäre Natur des Spiels sichtbar. Bis auf vereinzelte Verbesserungen, die neue Orte (Lichtungen) darstellen oder basierend auf den Karten im Winterunterschlupf der Mitspielenden Punkte geben, spielen alle hier mehr oder weniger ungestört vor sich hin. Das Nicht-Blockieren der Orte durch die Arbeiter spielt hier eine große Rolle. Dadurch kann die Phase, in der die Arbeiter ausgesendet werden, parallel gespielt werden und das Timing-Element tritt weiter in den Hintergrund. Dies macht es gerade für jüngere Spieler einfacher den Zugang zu finden. Mit den vier Dorfwürfel gibt es auch bereits ein limitierendes Element für die Orte, das jedoch von keinem Spieler beeinflusst werden kann. Das Würfelglück kann nur über die Trostpflaster (oder die Almanach-Verbesserung) etwas angepasst werden.

Die Dorfwürfel sind das Element am Spiel, das sich im Test als problematischstes hervorgetan hat. Gerade wenn bei der Zuordnung der Würfel einige Orte nicht freigeschaltet werden können und entschieden werden muss, welche Orte man freischaltet, kann die Downtime bei Spielen zu dritt oder viert während der einzelnen Runden recht hoch werden. Sammelt man weitere Würfel aus anderen Spielen zusammen, kann man dieses Problem aber umgehen und alle platzieren die Würfel gleichzeitig bei ihren Arbeitern.

Das Spiel erlebt über seine Dauer keine große Entwicklung. Man baut sich mit den Ideen und Verbesserungen nichts Nennenswertes auf, das die Optionen im Zug vergrößert. Die einzeln Runden fühlen sich unabhängig ob es die erste, zweite oder letzte ist dadurch sehr ähnlich an.

Am Ende muss man sich aber trotz des großen Hypes um das Spiel vor Augen führen, dass man es hier nicht mit einem Everdell-Klon oder Everdell light zu tun hat. Diese Assoziation ist vom Thema und Stil des Artworks grundsätzlich nicht abwegig.
Wie der Name des kanadischen Herausgebers andeutet, hat man es hier mit einem (leicht gehobenen) Familienspiel zu tun. Dabei bietet es durch das “Ressourcenpuzzle” genug Entscheidungen, dass auch erfahrenere Brettspieler hier Spaß haben werden. Das Glückselement der Würfel reduziert die Planbarkeit der Aktionen. Dies fällt aber im gesamten Kontext des Spielmechanismus nicht negativ auf und hält die Komplexität des Spiels ein bisschen niedriger, als wenn es ein “klassisches” Worker Placement wäre.

Im Gesamteindruck hat man mit Die Tiere vom Ahorntal kein herausragendes Top 10 oder Top 50 Spiel. Dafür fehlen die besonderen Momente. Trotzdem ist es ein absolut solides Familienspiel, an dem auch Kennerspieler Freude haben werden.


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