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Brettspiel-Rezension zu Redcliff Bay Mysteries: Schachtelweise Krimispaß

André Volkmann
Last updated: 31. März 2022 19:15
André Volkmann
11 Min Read
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Redcliff Bay Mysteries Test
Redcliff Bay Mysteries erweist sich im Test als solides Rätselspiel mit guter Story. Foto: Volkmann
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Im Test zu Redcliff Bay Mysteries ging es ab ins alte England. Rätselspiele – offenbar funktioniert der Markt inzwischen nicht mehr ohne sie. In jedem Spielejahrgang erscheinen neue Brett- oder Kartenspiele, bei denen man sich als irgendeine Art Ermittler betätigen muss. Manchmal setzen Verlage auf Fortsetzungen, manchmal auf Recycling – und manchmal bringen sie etwas hervor, dass der Konkurrenz zwar konzeptionell ähnlich ist, aber dennoch überrascht. So wie das Brettspiel Redcliff Bay Mysteries von Kosmos.

Die Grundidee bei Redcliff Bay Mysteries ist zunächst klassisch: Kleinstadt, leichter Grusel liegt in der Luft. Die Spieler eilen nach einem Hilferuf herbei, sollen aufklären, was in dem Küstenort geschehen ist. Mehr Informationen gibt es erstmal nicht – Kosmos nutzt das bekannte Escape-Rätsel-Konzept, um Spieler das Abenteuer schrittweise selbst erkunden zu lassen. Schon das ist motivierend, denn weder kennt man die Story noch die Aufgaben und damit Herausforderungen, die auf einen zukommen. Kooperativ gehen bis zu fünf Spieler also ans Werk – wahlweise kann man auch alleine spielen, sollte das aber nicht machen. Warum? Weil derartige Brettspiele zwar durchaus unterhaltsame Solo-Rätsel bieten, die gemeinsame Knobelei aber das Herzstück der Spielidee ist.

Vier Fälle sind drei und ein Tutorial

Die vier enthaltenen Fälle gilt es in ihrer festgelegten Reihenfolge zu erfüllen. Sie bauen aufeinander auf, der erste Fall fungiert dabei als Tutorial. Die erste Überraschung ist das Material: stimmungsvoll beschreibt es treffend. Das macht es Spielern leicht, in die Geschichte einzutauchen. Die zweite Überraschung: es gibt tatsächlich eine echte Story und damit nicht bloß mechanische Rätselei als Anreiz fürs Anfangen und Durchhalten. „Stundenweise“ ackert die Gruppe sich durch Redcliff Bay.

Redcliff Bay Mysteries Rezension
Vier Schachteln in einer Box – quasi drei Fälle plus ein Tutorial. Foto: Volkmann

Karten erzählen die Geschichte häppchenweise weiter. Und mit neuen Geschehnissen kommen neue Orte oder Personen ins Spiel, welche die Grundlage für das Rätsellösen darstellen. Ähnliche Grundkonzepte kennt man aus Detektivspielen zwar, bei Redcliff Bay Mysteries spielen sich die Szenen allerdings stets in einem kleineren Umfeld ab, sodass man umso intensiver nach Hinweisen suchen sollte. Letztendlich entscheidet die Gruppe, welche davon zielführend sind – die Grübeleien als Gruppenakt machen dabei einen Großteil des Reizes bei diesem Kosmos-Brettspiel aus. Hier und da erleichtern Tokens bei einigen Fällen den Ermittlungsalltag, weil die örtliche Limitierung aufgeweicht wird.

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Die typische „Cluedo“-Schlussfolgerung steht jeweils am Ende der Detektivarbeit: Wer ist der Schuldige? Was ist passiert? Erst bei der Auflösung durch die Falleinführungskarte wissen die Spieler, ob sie richtiglagen – oder vielleicht sogar völlig daneben.

Redcliff Bay Mysteries: Story als Star

Eine große Stärke beweist Redcliff Bay Mysteries bereits storytechnisch, denn die vier Fälle bauen aufeinander auf, nutzen ähnliche Konzepte, spielen sich dabei aber dennoch unterschiedlich genug, um auch so wahrgenommen zu werden. Der Start um den Diebstahl eines Gemäldes fällt seicht, deshalb aber nicht weniger spannend aus, immerhin sorgt die Einleitung für den Mystery-Touch im gradlinigen Ermittlungsspiel. Im Vergleich zu anderen Detektiv-Brettspielen glänzt Redcliff Bay Mysteries durch teils interessante Wendungen und Überraschungen bei den Erzählungen, auch wenn man einige anhand des Verlaufs zumindest erahnen kann. Spielerisch ragt insbesondere die zweite Hälfte des Gesamtinhalts heraus, denn hier spielen die Macher auch mit ansonsten von Escape-Titel bekannten Mechanismen um Code-Entschlüsselungen. Und das große Finale? Das dürfte zunächst für Kopfschütteln, dann aber einen grandiosen Aha-Effekt sorgen.

Test Redcliff Bay Mysteries
Der Ablauf: Intro lesen und los geht es. Regeln lesen? Wenig bis gar nicht. Foto: Volkmann

Mit Redcliff Bay Mysteries verleiht Kosmos dem inzwischen abgestaubten Detektivspiel-Genre neue Frische: Der Fokus liegt deutlich auf der Geschichte, Abstriche muss man dafür teilweise zumindest bei der Schwierigkeit der Rätsel machen. Im Mittelpunkt scheint ein entspanntes wie flüssiges Vorankommen zustehen, und damit auch die Chance, die gute Geschichte in ihrer Gesamtheit zu erleben. Der Kompromiss ist jedenfalls gelungen, denn vor dem Hintergrund ansonsten eher langweilig erzählter und allenfalls rätseltechnisch oder mechanisch herausragender Ermittlungsspiele wirkt Redcliff Bay Mysteries wie ein innovativer Kunstgriff.

Detektivspiel-Allrounder: Überall gut, nirgends herausragend

Maximal eine Stunde benötigt man pro Fall, entsprechend kurz ist also die Spielzeit insgesamt. Dem Spaß tut das keinen Abbruch, man muss sich lediglich darauf einstellen, dass Redcliff Bay Mysteries eine Art „play it and forget it“- Erlebnis ist, wenn auch mit einem kleinen Cliffhanger, der den Machern wohl die Möglichkeit einräumen sollte, aus dem Einzel-Brettspiele eine Reihe mit Folgeinhalten machen zu können – angesichts der Qualität des Rätselspiels wäre es zumindest schade, wenn Kosmos die Chance nicht ergreifen würde. Vor allem, weil sich Redcliff Bay Mysteries theoretisch auch mehrmals spielen ließe, das Material wird nämlich nicht zerstört. Weitergabe also erwünscht.

Es gibt Brettspiele, bei denen sich einzelne Partien deutlich länger als das gesamte Spielerlebnis von Redcliff Bay Mysteries – den Makel werden Fans des Genres allerdings nur allzu gern in Kauf nehmen, denn der Unterhaltungswert ist hoch bei diesem Detektivspiel. Das Niveau liegt etwa auf dem von Spielen wie Detective: Erste Fälle – auch Kosmos richtet sich mit dem Konzept an Einsteiger, Familien oder der Spielertypen gemischte Gruppen. Redcliff Bay Mysteries hat einen moderaten Schwierigkeitsgrad, frei von Herausforderungen ist das Ermittlungsspiel aber nicht: insbesondere die Fälle drei und vier enthalten teils echte Kopfnüsse und damit Aufgaben, bei denen es tatsächlich auf Kombinationsgabe und ein Gespür für die wesentlichen Details ankommt.
Redcliff Bay Mysteries ist eine Art Allrounder: Es bietet gute Rätsel, gute Verbindungen zwischen den Fällen und eine gute Geschichte. In keinem der Bereiche ist das Brettspiel herausragend, aber das Gesamtergebnis ist derart stimmig, dass man diesen Kosmos-Titel zu den derzeit besten des Genres zählen kann.

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Rezension Redcliff Bay Mysteries
Auf dem Tisch macht Redcliff Bay Mysteries einen guten optischen Eindruck – es geht zurück in die Viktorianische Zeit. Foto: Volkmann

Schon das Setting macht einiges her: Mysterien in der Grafschaft Summerset im südwestlichen England? Im Viktorianischen Zeitalter? Küstenstadt? Bei den Voraussetzungen kommt man nicht umhin, an Sherlock Holmes und den besonderen Charme der Epoche zu denken. Redcliff Bay Mysteries nutzt genau das aus und spinnt eine durchaus spannende Geschichte drum herum. Passend illustriert ist das Material allemal – die Optik stützt die Atmosphäre.

Wildes Raten gibt es bei dem Brettspiel nicht, was den Schwierigkeitsgrad auf ein angenehmes Level hebt: Pro Spielrunde kann die kooperative Ermittlergruppe jeweils nur einen der ausgelegten Orte besuchen. Diese Limitierung wird vor allem im späteren Spielverlauf zu einem Hindernis, den die Aktionstokens kaum auffangen können. Die Alternative: Beim Lösen der deduktiven Logikaufgaben einfach besonders anstrengen.

Infobox

Spielerzahl: 1 bis 5 
Alter: ab 12 Jahren
Spielzeit: etwa 40 bis 60 Minuten (pro Fall)
Schwierigkeit: einfach bis mittel
Langzeitmotivation: niedrig
Kategorie: Familienspiel
Sub-Kategorie: Rätselspiel 
Kernmechanismen: Deduktion, Kooperation, Rätsel, Kombination

Autoren: Matthias Prinz, Martin Kallenborn
Illustrationen: Martin Hoffmann, Claus Stephan
Verlag: Kosmos
Offizielle Website: Link
Erscheinungsjahr: 2021
Sprache: deutsch
Kosten: 35  Euro 


Fazit

Eine Spielschachtel mit vier kleineren Spielschachteln – schon dieser Kniff ist auffallend genial. In den Schächtelchen stecken jeweils voneinander verschiedene Mini-Rätselspiele mit jeweils maximal einer Stunde Spielzeit. Der Clou: die Fälle sind miteinander verbunden und steuern letztendlich auf ein großes Finale zu. Mit Redcliff Bay Mysteries machen die beiden Autoren Matthias Prinz und Martin Kallenborn jedenfalls viel richtig: der Einstieg gelingt binnen kürzester Zeit, schon die knappe Anleitung ist darauf ein Hinweis. Ansonsten ist das Spielprinzip bekannt: Kärtchen vorlesen, um einen Eindruck von den jeweiligen Spielszenen zu bekommen, dann geht es an Rätseln. Klammert man den ersten Fall – das Tutorial – aus, so werden Spieler durchaus vor die eine oder andere Herausforderung gestellt – wer im Genre erfahren ist, wird dennoch keine Probleme haben, die Mysterien um die Küstenstadt Redcliff Bay zu enthüllen. 

Größter Motivator ist – und das ist selten im ansonsten mechanischen Rätsel-Genre – die Geschichte: die ist spannend und hält Detektive bei der Stange – einen tiefgründigen King-Mystery-Thriller mit gesellschaftskritischer Botschaft sollte man allerdings nicht erwarten. 

Auf die Spielertruppe warten rundenweise Entscheidungen, denn durch die Limitierung kann man nicht wahllos alle Orte aufsuchen. Also beschließt man innerhalb der Gruppe gemeinsam den jeweils nächsten Schritt – großer Pluspunkt des Brettspiels – oder man setzt auf die Aktionstokens als „Rettungsanker“. Als Netz und doppelter Boden fungieren dann noch Hinweiskarten, die dürfen zum Einsatz kommen, wenn die Ermittler gar nicht mehr weiter wissen. 

Redcliff Bay Mysteries bietet ein in sich stimmiges Spielerlebnis, das mit seinem Cliffhanger sogar Lust macht auf weitere Fälle. Allzu hoch sollte man die Erwartungen aber nicht ansetzen, die Zielgruppe ist relativ klar umrissen: Familienspieler, Genre-Einsteiger oder Über-den-Tellerrand-Schauer werden sich für das Mystery-Abenteuer im Südwesten Englands begeistern und motivieren können – Rätselprofis werden angesichts der mageren drei Fälle ohne Tutorial allenfalls bezüglich der Story Erfüllung finden. Ein tolles Gimmick, von dem andere Rätselspiele lernen dürfen, ist die Fallauflösung: Ob man richtig liegt oder nicht, erfährt man quasi über den „bunten Faden“. 

Dass Kosmos mit Redcliff Bay Mysteries nicht einfach einen rätselmechanischen Brocken veröffentlicht hat, sondern ein seichtes Rätselspiel mit Mystery-Geschichte nötigt angesichts den weiterhin boomenden Genres durchaus Respekt ab – immerhin hätte man eingefleischte Spieler mit deutlich härteren Logikherausforderungen ärgern und sich so ins Gespräch bei den Vielspielern bringen können. Redcliff Bay Mysteries ist ein charmantes Produkt für den Massenmarkt, deshalb aber keinesfalls schlecht. Im Gegenteil: So fair und gleichzeitig unterhaltsam waren Ermittler-Brettspiele jüngst selten.  


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André Volkmann ist Journalist mit Schwerpunkten in den Bereichen Lokalnachrichten, Games und Entertainment.
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