Bedrohte Existenzen, Geschäfts- und Unternehmensschließungen, strategische Neuausrichtungen: Die pandemische Lage hat Folgen für viele Branchen. Weil das so ist, könnten auch Brettspiele deutlich teurer werden. Erste Vorzeichen gibt es bereits.

Die Inflation schwächt sich nach Daten des Bundesamtes für Statistik leicht ab. Lag die Teuerungsrate im Mai noch bei 2,5 Prozent so lag der Wert im Juni bei 2,3. Diese positive Entwicklung zeigt sich zwar in der gesamten Eurozone, allerdings nicht in allen Ländern. Andersorts meldet man neue Höchststände bei der Inflation. Unklar ist, ob es sich bei der Abschwächung um eine Trendwende handelt oder ob bei den Preisanhebungen lediglich eine Pause eingelegt wird.

Logistik: Preise explodieren

Insbesondere steigende Preise in einigen Branchenzweigen könnten nun für eine spürbare Preiserhöhung bei Gesellschaftsspielen sorgen. Mit dem Brettspielhandel eng verknüpft sind Produktionsprozesse und Logistik, vor allem letztere ist preislich wiederum abhängig von den Kraftstoffreisen. Und die steigen.

Ressourcenverknappung trägt ebenfalls zur Preisentwicklung bei. Erste Verlage, so etwa Blacklist Games, meldete bereits Verzögerungen bei der Auslieferung von Brettspielen. Der Verlag kündigte Verspätungen für die Titel Street Masters, Contra und Buddy Cop an. Gründe gibt es mehrere: Verzögerungen in den Produktionsstätten, Verspätungen und Überlastungen bei der Schiffslogistik – und letztendlich auch dramatische Preissteigerungen im Bereich von mehreren Hundert Prozent.

Galt die Produktion von Brettspiele in China bislang als eine Art Garant für vergleichsweise niedrige Preise, so könnte sich das nun umkehren. Überdauern die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie auf Produktion und Warenverschiffung, so könnten die Preise für Brettspiele mittelfristig steigen, weil Verlage die Kosten an die Kunden weitergeben bzw. weitergeben müssen.

Ähnliche Effekte hatten sich bereits bei Kickstarter-Projekten angedeutet. Mehrfach wiesen Verlage bei bereits finanzierten Crowdfundings darauf hin, dass die Shipping-Preise deutlich gestiegen seien und man für die Situation eine Lösung finden müsse. Durch die steuerliche Veränderung sind durch den Schwarm finanzierte Brettspiele aus Übersee ohnehin preislich nicht mehr besonders attraktiv – insbesondere Spieler, die vormals mit der Unterstützung von Spielideen auf Kickstarter haderten, finden in den Verteuerungen nun einen nachvollziehbaren Grund, sich denen einen „Pledge“ zu entscheiden. Langfristig könnten sich die Rahmenbedingungen weitaus dramatischer auswirken – wenn Spieler nämlich deutlich selektiver vorgehen als bisher.

Ohne Steuer-Aufschlag und Horror-Versandpreise galt für das Crowdfunding oft die Devise: Ich unterstütze es einfach mal – und habe die Option, das Spiel zu verkaufen. Weil der Gebührenanteil dramatisch gestiegen ist, müssen Wiederverkäufer ihre Brettspiel nun ebenfalls preislich höher ansiedeln. Die Chance, einen Käufer zu finden, wird geringer – vor allem bei Brettspielen, die sich nicht auf einen Hype im Vorfeld als Verkaufsargument berufen können. Inzwischen kosten Kickstarter mit Vollausstattung nicht selten viele Hundert Euro. Verlage rufen Preise auf, die durchschnittliche Brettspieler kaum und eingefleischte Fans seltener bezahlen wollen.

Dabei ist der Preis eines Brettspiel nicht bloß eine nüchterne Zahl. Vielmehr orientiert sich das Gefüge immer mehr an dem Motto „Zahle, was es dir wert ist“. Wie umfangreich ist die Spielausstattung? Wie viele Spieler dürfen mitmachen? Gibt es einen Solo-Modus? Wie hoch ist der Wiederspielwert? Wie lang die Spielzeit einer Partie? Wie komplex ist der Spielablauf? Viele Faktoren, die über den Erfolg oder Misserfolg eines Brettspiels entscheiden, werden vor dem Hintergrund einer Preisdiskussion spürbar wichtiger. Es geht nun um den Wert eines Spiels, nicht mehr nur um den Preis. Viele Spielende haben das auch vorher schon erkannt, nun wird einem die Abwägung aufgezwungen.

2020: Ein gutes schlechtes Jahr

Die Corona-Pandemie war für Verlage ein zweischneidiges Schwert: Einerseits trieb die Viruslage Spieler an die heimischen Tische, hierzulange meldeten Verlage wie Kosmos, Ravensburger oder Asmodee Rekordzahlen. Brettspiele, Kartenspiele und Puzzles fanden reißenden Absatz. Andererseits waren Verlage gebeutelt von schlechten Produktionsbedingungen und Lieferschwierigkeiten. Das laufende Jahr 2021 hätte mit einer Besserung der pandemischen Lage wirtschaftlich entspannter werden können – hätte. Nun zeigt sich eine regelrechte Preisexplosion beim Warenverkehr.

Jamey Stegmaier hat darüber in einem Blog-Beitrag bereits die aktuelle Situation erklärt: Demnach sind die Preise 300 bis 400 Prozent höher als vor der Pandemie. Als Beispiel nennt er einen Preis für einen Container: Vorher lagen die Kosten bei rund 5.000 US-Dollar, nun sind es 15.000. Heruntergebrochen auf ein einzelnes Spiel, liegen die Shipping-Kosten bei drei US-Dollar, Stegmaier bezieht sich dabei auf Flügelschlag. Eine weitere Beispielrechnung legt offen, dass der Gewinn an einem Brettspielexemplar um zwei US-Dollar gesunken ist. Stonemaier Games kann das durch die hohe Auflage des Erfolgstitels kompensieren, die Preise wolle man nach Angaben von Stegmaier nicht anpassen. Bei kleineren Verlag dürfte das anders aussehen.

Als einer der wenigen deutschen Verlage hat sich Heidelbär Games öffentlich zu Preiserhöhungen geäußert. Die Corona-Pandemie habe „Konsequenzen für Spieleverlage, welche nicht zwingend für jeden ersichtlich sind“, hieß es von Verlagschef Heiko Eller-Biltz. Mit dem Monatsbeginn im Juli hat der Verlag die Preise anheben müssen. Spiele herzustellen benötig gewisse Ressourcen und Materialien und die finale Produktion werde von darauf spezialisierten Herstellern erledigt, so der CEO von Heidelbär Games. „Und diese Hersteller sind aufgrund der Pandemie, der gestiegenen Rohstoffpreise und Transportkosten, sowie auch dem komplexeren Personalaufwand gezwungen, die Preise deutlich zu erhöhen. Das ist nur verständlich. Leistung und Material kosten Geld und wir erwarten von unseren Herstellern, dass sie Qualität liefern und faire Arbeitsbedingungen gewährleisten. Und das hat eben seinen Preis.“

Damit einher gehen auch Verschiebungen. Für dieses Jahr geplante, noch unangekündigte Veröffentlichungen seien auf 2022 verlegt worden. Bei Heidelbär Games rückt der Fokus deutlicher auf eine innereuropäische Produktion. Die gestiegenen Transportpreise verstärken diese Wunsch: „Warum sollte man etwas in Asien produzieren, was man auch hier produzieren kann, nur um ein paar Cent zu sparen, die man aktuell für einen teureren Transport wieder ausgibt und damit nur einen weiteren Container auf die Weltmeere setzt?“, fragt der Heidelbär-Chef. Dies mach nur dann Sinn, wenn es eben nicht anders geht. Aufgrund von Überlastungen der Produktionsstätten in Europa weichen Verlage vermutlich auch mittelfristig verstärkt auf den asiatischen Raum aus, langfristig könnte sich das ändern. Dann vielleicht mit kürzeren Transportwegen, aber umwelt- und klimafreundlicher – möglicherweise nach Normalisierung der Shipping-Lage auch etwas teurer.

Insgesamt sind die Versandzeiten deutlich gestiegen: Verzögerungen von bis zu sechs Wochen sind keine Seltenheit. Negativ auswirken könnte sich das auf den Absatz der Exemplare, etwa weil Spieler nicht so lange auf einen Titel warten wollen – im schlimmsten Fall hagelt es Stornierungen. Verlage werden gezwungen die Preise von Brettspielen zu erhöhen, vor allem bei niedrigeren Auflagen. Eine andere Option wären Kosteneinsparungen, etwa bezüglich einer geplanten Lokalisierung. Die wird verschoben oder kommt am Ende gar nicht. Zu teuer.

Nun liegen die Preissteigerungen bei Brettspielen derzeit vorrangig in gestiegenen Logistikkosten begründet; es besteht die Hoffnung auf eine Normalisierung des Marktes mit weiterer Entspannung der pandemischen Lage. Ob die Verlage dann die angepassten Preise auch wieder reduzieren? Mit Sicherheit vorhersagen wird man das nicht können. Einige könnten die größere Gewinnspiel ausnutzen, sofern sich die Titel nicht schlechter verkauft haben als vor der Corona-Situation, andere könnten zwar eine Reduzierung vornehmen, dabei das Preisniveau aber dennoch höher halten. Möglicherweise gibt es auch Verlage, die Preisreduktionen an die Spieler weitergeben. Kehrt die Lage auf ein Prä-Corona-Niveau zurück, ist der Markt gefragt – der regelt es ja immer. Irgendwie.


Letzte Aktualisierung am 26.07.2021 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API. * = Affiliate Links. Bilder von Amazon PA-API