Mit Lost in Random vertreibt Publisher Electronic Arts einen ambitionierten wie mutigen Titel. Das Abenteuerspiel ist Standardkost und Geheimtipp zugleich, überzeugt, aber nicht vollends, ist düster und gleichzeitig erhellend – und eines jener Spiele, die man zwar wirken lassen muss, aber nicht verpassen darf. In unseren Test zu Lost in Random verraten wir, welche Stärken das Spiel hat und das leider nicht gelungen ist. 


Manchmal gibt es diese besonderen Spiele, die einen nicht sofort fesseln. Bei Lost in Random ist es sogar noch dramatischer: Denn insbesondere der Beginn des Titels ist alles andere als gelungen. Die Startbereiche sind düster, fast schon abschreckend. Alles wirkt verwirrend. Dann plötzlich kommt der Moment, an dem man als Spieler den innovativen Deckbaumechanismus durchblickt – und Lost in Random spielerisch zu schätzen weiß. 

Lost in Random: Düsteres, aber charmantes Märchen 

Electronic Arts scheint jüngst immer wieder mal bewusst experimentelle Wege gehen zu wollen. Manchmal zahlt sich das aus. Bereits It Takes Two war ein erfrischend innovatives wie tiefgründiges Spiel – was sich im Test in einer guten Bewertung niederschlagen sollte. Nicht ohne Makel, aber mindestens so gut, dass man es nicht verpassen sollte – das ist rückblickend ein mögliches Kurzfazit, das man zu dem erzwungenen Zwei-Spieler-Abenteuer hätte verfassen können. Auch bei Lost in Random läuft längst nicht alles glatt, aber letztendlich ausreichend viel, um das Abenteuerspiel als Geheimtipp zu kennzeichnen. 

Irgendwo zwischen Grimms eher düsteren Märchen und Tim Burtons wirrsten Ideen muss man das Spiel von EA Originals und Zoink verorten: Schräge Charaktere, ein jede Menge Dunkelheit im Herzen und auf dem Bildschirm und die gute Portion Zufall sind drei der Zutaten, die aus Lost in Random einen kleinen Hit machen – allerdings einen, auf den man sich einlassen muss. Der Zufall regiert, das legt schon der Titel des Spiels nahe, die Finger an den Würfeln hat jedoch eine Diktatorin. Schlechte Voraussetzungen für das Reich von Random, perfekt für den Spieler. Er muss nämlich in den Fußstapfen der Titelheldin Even die Düsternis durchdringen. Unterstützung kommt von „Dicey“, einem lebenden Würfel mit Armen und Beinen, mit dem Even dem Zufall die mächtigste Waffe entgegenwerfen kann: den Zufall. 

Karten und Würfel - so kämpft man im Reich von Random. Quelle: EA

Karten und Würfel – so kämpft man im Reich von Random. Quelle: EA

Die Story ist der Star, das scheibt man oft in Tests, doch auch hier ist es wahr. Schritt für Schritt arbeitet man sich durch die stimmungsvollen Levelbereiche, trifft auf Figuren, die noch schräger sind als es das Even-Dicey-Gespann ist. Den Charme und Witz spürt man an vielen Ecken – auch das gelingt ziemlich treffsicher. Ein Erzähler durchbricht so manches Mal – ganz Deadpool-like – die vierte Wand und macht aus Lost in Random erst das Märchen, das es ist. Immer wieder faszinieren die kleinen Storyfetzen unterschiedlichster Couleur: mal eine verrückte Mini-Märchenepisode, mal ein Drogentrip, dann wieder ganz viel Melancholie, ab und zu Grusel – in Lost in Random steckt thematisch viel. All das trägt die große Story um Freundschaft und Ungerechtigkeiten. 

Rein spielerisch ist Lost in Random klassisch „Adventure“, aber mit Kniff: man kämpft, indem man Karten spielt und würfelt. Kämpfe sind ein dominantes spielerisches Mittel und das ist gut so, denn die strategischen Kampfabläufe sorgen für Spaß, denn die taktische Komponente ist deutlich spürbar. Entscheidungen haben Tragweite, die Auseinandersetzungen können auf verschiedenen Wegen entschieden werden.

Im Grunde gibt es sogar zwei völlig unterschiedliche Spielweisen: Man bedrängt Gegner aus nächster Nähe oder beharkt sie aus der Ferne. Und die Karten bieten weitere Ansatzpunkte, um den Spielstil den persönlichen Vorlieben anzupassen. Die typische Standardkost aus Abenteuerspielen kennt man allerdings: Schwer und langsam oder flink und leicht? Harte Angriffe oder cleveres Vorgehen? Direkte Attacke oder unterstützende Gadgets? Stets muss man wählen. Die Auswahl an Karten ist groß genug, um immer wieder Varianz zu entdecken und zu kombinieren. Viele Kartenfähigkeiten ergänzen sich, das lädt zum Experimentieren ein. Und weil Lost in Random durchdrungen ist von Zufallselementen, muss man regelmäßig auch improvisieren. Clever, Zoink – ziemlich clever. 

Schräge Charaktere? Bitte schön! Quelle: EA

Schräge Charaktere? Bitte schön! Quelle: EA

Linear durchstreift man die sechs Gebiete von Random – hier bleibt man sich dem Genre-Standard treu. Und verschenkt damit Potenzial. Andererseits haben die Entwickler so die volle Kontrolle über Setting und Story, und die nutzen sie. Die Umgebungen unterscheiden sich deutlich, bieten neue Facetten – manchmal aber auch Einheitsbrei. Lieblingsecken entdeckt man immer wieder, so herrlich verrückt sind die Bereiche. Das ist toll vertont und musikalisch grandios untermalt. Die ganz große Abwechslung fehlt am Ende aber – die verflixte B-Note halt. Mit der Rafinesse eines Psychonauts 2 kann Lost in Random nicht mithalten.

Ein Videospiel mit derart ausgeprägten Brettspielelementen, das Videospiel bleibt und nicht Brettspieladaption ist, gibt es selten bis gar nicht. Schon aus diesem Grund sollte man Lost in Random nicht als 08/15-Adventure abkanzeln, auch wenn man abseits aller Innovationen auf viel Bekanntes trifft. Der Mix aus Strategie, Action und „Randomness“ ist jedenfalls ein spielerisches Feuerwerk, das nur deshalb nicht vollends zünden kann, weil irgendwie der Drang zum Erkunden durch das Konzept nicht angesprochen werden kann. Man fühlt sich nicht mitgenommen von den manchmal glanzlosen Passagen. Das hervorragende Story-Writing macht dafür einiges wett. Solche kluge Geschichten sind kleine Schätze, in der ansonsten von Masse statt Klasse dominierten Gaming-Welt. Die Dialoge mit Dicey sind mitreißend, weil man den Würfelkumpel nicht versteht, aber irgendwie eben doch.

Humor und Emotionen sind untrennbar mit Lost in Random verbunden – das Abenteuer-Videospiel funktioniert – so wie schon It takes Two – auf einer anderen Ebene, die sich nicht nur am Gamepad und auf dem Bildschirm, sondern auch vor dem Bildschirm abspielt. 

Infobox

Spielerzahl: Singleplayer, Multiplayer
Alter: ab 12 Jahren
Schwierigkeit: mittel
Langzeitmotivation: niedrig
Genre: Abenteuer
Untergenre: Strategisches Action-Adventure

Entwickler: Zoink
Publisher: EA Originals
Offizielle Website: Link
Erscheinungsjahr: 2021
Plattformen (Testsystem): PC, Playstation 4, Playstation 5, Xbox One, Xbox Series X|S, Nintendo Switch
Sprache:  deutsch
Kosten: ab 29,99 Euro 

 

Fazit

So richtig überraschend ist die gute Qualität von Lost in Random letztendlich nicht, immerhin haben Zoink und Electronic Arts bereits vor einigen Jahren zum Platformer Fe kooperiert. Mit dem strategischen Videospiel mit Brettspielelementen hat man nun deutlich neuere, innovative Wege beschritten. Mit Erfolg: Lost in Random ist streckenweise grandios, spielerisch spannend und voller wunderbarer Story-Momente. Der Gameplay-Mix aus Action, Taktik und Zufall geht auf – gepaart wird das auf der Präsentationsebene mit vielen optisch eindrucksvollen Spielpassagen. Dass sich darunter auch Wiederholungen und stellenweise öde Abschnitte finden, tut dem Spaß insgesamt keinen Abbruch, verhindert jedoch, dass Das Adventure im Coming-of-Age-Märchenstil in die Kategorie Meisterwerk springen kann. Lost in Random hat leveltechnisch viele gute Momente, reicht aber nicht an die wahnwitzig-perfekte Qualität eines Psychonauts 2 heran.

Ein Spiel um und mit dem Zufall aufzubauen ist jedenfalls genial, und so bleibt es Indie-Werk ein beachtenswerter Titel, den man als Abenteuerliebhaber nicht verpassen darf. Gründe, sich in das Reich von Random zu begeben, gibt es jedenfalls genug: Musik, Synchronisation, Spielmechanismen, Charaktere und Story – all das greift mit fast schon gespenstiger Perfektion ineinander. Und zum nahenden Halloween passt Lost in Random mit seiner düster-humorigen Geschichte ohnehin. Das originelle Konzept hinter dem Spiel verschleiert mitunter Genre-Standard. Knapp zwölf Stunden benötigt man, um das Spiel in vollen Zügen zu genießen.

Das vielleicht stärkste Element ist das Kartenbausystem, das in der Form inzwischen zwar nicht mehr gänzlich neu, im Falle von Lost in Random aber hervorragend umgesetzt ist. Bis zum Spielende hin arbeitet man an seinem Deck, wird immer wieder gefordert. Unfair wird das Spiel nie, die eine oder andere Stelle ist aber durchaus knifflig. Es gibt einen Story-Modus, bei dem der Fokus auf die Geschichte gelegt wird. Das ist gut und macht auch Spaß, allerdings verpasst man dann einen Teil des Reizes, denn das Deck-Balancing im Auge behalten zu müssen, treibt einen als Spieler an.


Letzte Aktualisierung am 16.10.2021 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API. * = Affiliate Links. Bilder von Amazon PA-API