Pixel sind Kunst: Die Klötzchengrafik, damals Standard, erlebt immer mehr ein Revival in der Games-Branche und bildet einen willkommenen Kontrast zur modernen Hochglanzoptik. Statt höher, weiter, schneller, schöner geht es beim Pixel-Look vor allem um Ästhetik und darum, mit überschaubaren Mitteln Bilder auf die Bildschirme zu zaubern, die auch heute noch in Staunen versetzen können: Inzwischen können Fans auch hierzulande in Nostalgie schwelgen, mit dem Pixelbuch zum Beispiel, das es als „inoffizielles SNES“-Buch durch Elektrospieler längst in die Bücherregale geschafft hat. Unterhaltung inklusive, auch aufgrund des literarischen 16-Bit-Abenteuers „Gefangen im Retroversum“ als Mitmachbuch für Gamer.


Es ist ein echtes Entertainment-Doppel, das „Elektrospieler“ Robert Bannert gemeinsam mit Thomas Nickel, Christine Bauer und der Agentur Ratz mit dem „Inoffiziellen SNES Pixelbuch“ und der Vorbesteller-Beigabe „Gefangen im Retroversum“ dem deutschen Publikum zur Verfügung gestellt hat. Retrogaming ist angesagt, dennoch ist das Angebot an Literatur überschaubar. Umso schöner, dass es im vergangenen Jahr mit dem Pixelbuch ein deutschsprachiges Werk in den Handel geschafft hat. Und als sei das nicht genug hat man sich mit dem 16-Bit-Adventure zum Umblättern noch eine Dreingabe für Vorbesteller ausgedacht, die so gut angekommen ist, dass es das Projekt vom Sidekick zur Stand-alone-Version schaffen soll. Aber der Reihe nach.

Erst die Kunst…

Wenn Gamer heute vor hochgerüsteten PC- und Konsolensystemen sitzen und Spiele in möglichst realistischer Grafik genießen, geht verloren, dass Videospiele optisch ganz anders angefangen haben: Aus einzelnen Bildpunkten wurden Gemälde auf den Bildschirmen zusammengesetzt, das ist auch heute noch so, allerdings kann das menschliche Auge die feinen Pixelungen nicht mehr erkennen. Damals war das anders und genau das wird heute von „Retrogamern“ gefeiert. Irgendwann in der Mitte der Neunziger verläuft die Grenze, die derzeit definiert, was „retro“ sein darf. In jedem Fall dazu gehört das Super Nintendo Entertainment System, das der japanische Konsolen-Gigant ab 1990 vermarktete – rund acht Jahre lang, dann war endgültig Schluss, zumindest für die Urfassung der Konsole. Im Jahr 2017 erschien eine an den Klassiker angelehnte Neuauflage, die sich weltweit millionenfach verkauft. Retrogaming ist angesagt, daran gibt es keine Zweifel.

Peaches und Mario dürfen nicht fehlen, wenn es um Nostalgie geht. Foto: André Volkmann

Peaches und Mario dürfen nicht fehlen, wenn es um Nostalgie geht. Foto: André Volkmann

Für das SNES, so die weitaus weniger sperrige Abkürzung für das Super Nintendo Entertainment System, erschienen über 1.300 lizensierte Spiele, einige davon haben es in Elektrospielers inoffizielles SNES Pixelbuch geschafft. Bis zum „Goodbye“ aus Maxis‘ Sim City werden in dem Buch auf 272 Seiten Retro-Spiele gefeiert. Über 120 Klassiker haben die Macher untergebracht, viele davon kennen sogar Spieler, die Games auf ihre Technik reduzieren und den teilweisen Nostalgie-Wahnsinn nicht nachvollziehen mögen: Donkey Kong Country, Mega Man, Dragon Quest, Street Fighter, Yoshi – all das sind Marken, die einem auch im modernen Games-Zeitalter noch immer begegnen. Weitaus weniger „pixelig“ zwar, aber immer noch wiedererkennbar.

Das „inoffizielle SNES Pixelbuch“ nimmt Fans mit auf eine Reise durch einen Teil der Geschichte der Videospiele. Und wenn man sich die auf Hochglanzpapier gedruckten Pixel-Gemälde anschaut, bekommt man ein Gefühl dafür, weshalb so viele Fans so sehr an „Retro“ hängen. Eine lose Aneinanderreihung von Bildern ist das Pixelbuch nicht: Seitenweise gibt es Geschichten, die von Nostalgie erzählen – und auch erklären, weshalb damals einige optische Effekte aussehen, wie sie eben ausgesehen haben. „Fun facts“ nennt man da gern, hier ist es weitaus mehr, denn ohne all die Ideen, die Entwickler und Publisher vor mehr als 30 Jahren hatten, wären Videospiele vermutlich heute nicht so populär wie sie es sind. Hand hoch: Wer wusste, das Zelda-Held Link in seinem SNES-Abenteuer maximal 64 mal 64 Pixel messen durfte?

Aus kleinen, bunten Kästchen hatte man vor einigen Jahrzehnte Kunstwerke auf die Bildschirme gezaubert. Foto: André Volkmann

Aus kleinen, bunten Kästchen hatte man vor einigen Jahrzehnte Kunstwerke auf die Bildschirme gezaubert. Foto: André Volkmann

Mit dem Wissen um die Pixel-Technologie von einst, blickt man anders auf die Spiele, die man liebgewonnen hat in seiner Jugend, und die man heute über Emulatoren, Online-Services oder in seltenen Fällen sogar auf den Original-Konsolen spielt. Wer nach knapp drei Jahrzehnten merkt, weshalb Kugelbosse bei Zelda: A Link to the Past so kugelig aussehen mussten, der kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Manche Dinge brauchen Zeit. Das gilt auch für das Pixelbuch selbst, das auf einer Idee basiert, die Robert Bannert vor knapp 25 Jahren hatte, so verrät es das Impressum.

Wer meint, Retro-Spielen sei gemächlich gewesen, der wird sich beim Lesen des Pixelbuches möglicherweise dabei ertappen, wie neu und niemals zuvor gesehen Szenen aus eigentlich bekannten – und möglicherweise mehrmals durchgespielten – Titeln plötzlich erscheinen. Der Blick ins Buch zeigt nicht nur eine völlig andere Perspektive auf, sondern lässt zu, dass man sich Zeit nehmen kann, um die „Pixel Art“ von einst zu bestaunen, in all ihren Facetten. So hübsch, eindrucksvoll, bunt und detailliert hat man seine Lieblingsspiele nicht in Erinnerung. Und weil das so ist, ist der literarische Ausflug in die Spiele-Nostalgie nicht nur informativ, sondern anrührend. Auf vielen Seiten findet man sich und seine Kindheit oder Jugend wieder: man spürt den Frust bei Mega-Man-Runden, in denen Spark Man oder Needle Man einem gezeigt haben, wo der Pixel-Hammer hängt; man erinnert sich zurück an bonbonfarbene Abenteuerwelten in Kirby’s Dreamland oder feiert seine schönsten Tore bei Fifa 96 – oder wurde gezwungen, Sensible Soccer so spielen.

Mit fummeliger Steuerung hat man am Gamepad schon damals Tore des Monats erzielt. Foto: André Volkmann

Mit fummeliger Steuerung hat man am Gamepad schon damals Tore des Monats erzielt. Foto: André Volkmann

Nach Genres unterteilt – vom Abenteuer-Rollenspiel bis hin zum Klopp-Spiel oder Beat’em-up – führen die Autoren durch eine nostalgische Welt und wecken die Lust, Spiele mit fotorealistischer Grafik gegen den charmanten Pixel-Look zu tauschen – wenigstens zeitweise. Man trifft auf viele Helden aus der Kindheit, von einigen weiß man heute vielleicht nicht mehr, dass sie damals einen Heldenstatus hatten: Klar, Mario ist immer präsent; Ryu und Ken sind es spätestens nach der Neuauflagen aus der Street Fighter-Reihe wieder und auch Mega Man war niemals weg. Ganz anders Blizzards Lost Vikings oder Earthworm Jim. Oder die Tiny Toons, die man heute nur noch aus wenig attraktiven Animationsserien kennt. Viele Spiele, denen man im Pixelbuch begegnet, hat man damals gespielt, konnte sich daran aber nicht mehr erinnern, bis einen die Autoren darauf gestoßen haben: Cool Spot etwa, dem 7-up-Maskottchen, dass seinen Auftritt in einem, für damalige Verhältnisse ziemlich gelungenen, Werbespiel hatte.

Die grandiose Aufmachung des inoffiziellen SNES Pixelbuches unterstreicht die spannende Zeitreise. Kaum eine Seite gleicht der anderen, hier und da verweilt man lange, bis man all Details aufgesogen hat. Das Buch zu lesen ist auch ein Appell: Man sollte sich Zeit nehmen in der schnelllebigen Welt, nicht nur nach vorn, sondern ab und zu auch mal zurück schauen, das kann sich lohnen. Es sind Geschichten von bekannten und zumindest heute weniger bekannten Heldinnen und Helden – und vor allem um letztere kennenzulernen, sollte man in dem Pixelbuch schmökern.

…dann das Abenteuer

Wer das „Inoffizielle SNES Pixelbuch“ vorbestellt hatte, bekam mit „Gefangen im Retroversum“ ein 16-Bit-Adventure zum Umblättern als Dreingabe dazu. Weil das querformatige Abenteuerbuch so gut angekommen ist, soll daraus nun eine Version für den Handel entstehen. Auch darin steckt Nostalgie. Das Konzept ist bekannt und hatte seine beste Zeit irgendwann in den Neunzigern: Es handelt sich um klassische Text-Adventures, jene Rätsel- und Mitmach-Bücher also, die einen als Kind um den Verstand gebracht haben.

Der Vorbestellerbonus "Gefangen im Retroversum" kam so gut an, dass eine Auskopplung vorgesehen ist. Foto: André Volkmann

Der Vorbestellerbonus „Gefangen im Retroversum“ kam so gut an, dass eine Auskopplung vorgesehen ist. Foto: André Volkmann

In Detektivabenteuern sollte man Fälle lösen, in Fantasy-Geschichten die Taten von Heldinnen und Helden erleben. Die Ursprungsidee für die Abenteuer im „Retroversum“ ist weitaus älter, mit ausgeprägten Wurzeln im Games-Segment:  Dungeon-Abenteuer stellten Spieler in pixeligen Umgebungen immer wieder vor Entscheidungen: Nach links abbiegen, geradeaus, Truhe öffnen, Dialogoption wählen? Am Ende war jede Entscheidung die falsche und man wurde tiefer hineingezogen in ein verzweigtes Höhlensystem voller Monster, meist ohne die Chance zu entkommen.

Das Spiele-Buch „Gefangen im Retroversum“ ist etwa für Liebhaber von Rollenspielen und schlägt eine Brücke zwischen digitalem Abenteuer und analogem Pen-and-Paper-Rollenspiel. Zwei Würfel und das Buch, mehr braucht es nicht, um sich in ein Videogames-like Abenteuer zu stürzen, bei dem vor allem Spiele-Fans auf ihre Kosten kommen. Due Aufmachung des Buchs – es ist an die Verpackung von SNES-Games angelehnt – ist kein Zufall.

200 Textabschnitte auf 140 Seiten gibt es, einigen Stellen aufgelockert durch Illustrationen. Es geht ums Lesen, nicht ums Gucken, bei diesem interaktiven Textwerk. Anstatt die Inhalte von der ersten bis zur letzten Seite durchzuackern, geht es darum, zwar einer Geschichte zu folgen, deren Verlauf man allerdings durch seine Entscheidungen beeinflusst. Alles beginnt an einem heißen Nachmittag irgendwo im Stadtgarten mit einer Entscheidung, die eigentlich keine ist: Besuche Halle M!

Den "character sheet" dürften zumindest Pen-and-Paper-Fans kennen: Hier setzt man auf eine einsteigerfreundliche Version. Foto: André Volkmann

Den „character sheet“ dürften zumindest Pen-and-Paper-Fans kennen: Hier setzt man auf eine einsteigerfreundliche Version. Foto: André Volkmann

Spoiler gibt es an dieser Stelle nicht, aber so viel sei verraten: Es passiert viel, immer wieder bekommt man es auch mit Widersachern zu tun, denen man sich in an Pen-and-Paper-Konzepten angelehnten Würfel-Kämpfen stellt. Dann heißt es: Teste deinen Gamer-Skill und zwar gegen eine Zahl X. Wirf dazu deine Würfel, später kann die Augenzahl manipuliert werden, entsprechend den Fähigkeiten und der Ausrüstung des Helden. Wer sich auf das Konzept einlässt und seine Fantasie spielen lässt, wird wunderbar unterhalten.

Das Abenteuerbuch „gefangen im Retroversum“ folgt dem wieder aufblühenden Trend der Mitmachbücher. Namhafte Verlage setzen Märchenklassiker wie Alice im Wunderland oder Detektivklassiker wie Sherlock Holmes als interaktive Romane um, stets gepaart mit einer Portion Rollenspiel. Einmal angefangen, kann man sich dem „Progress“ schwer entziehen. Es ist eine Geschichte und deine Geschichte.

Wer das Pixelbuch kaufen möchte, wird im Shop von Elektrospieler fündig. Das Buch kostet 39,99 Euro zzgl. Versand. Die Lieferzeit liegt bei drei bis acht Tagen.

Ein Blick ins Buch:

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Das inofizielle SNES-Pixelbuch Das inofizielle SNES-Pixelbuch * Aktuell keine Bewertungen

Letzte Aktualisierung am 25.09.2021 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API. * = Affiliate Links. Bilder von Amazon PA-API