Marvel und Rundentaktik – das gab es nie. Bis zum Release von Marvel’s Midnight Suns waren die Superhelden-Spiele getrieben von krachender Action. Der neue Ansatz, für den mit dem Studio Firaxis die Macher unter anderem von Civilization oder XCOM: Enemy Unknown verantwortlich sind, gefällt. 

Im Marvel-Universum kann man derzeit angesichts der unzähligen Spin-offs schnell die Übersicht verlieren. Das muss man sich wohl auch bei Firaxis gedacht haben, denn die Entwickler setzen bei Marvel’s Midnight Suns auf die klassischen Helden. Und die bringen es noch, wie sich aus der Qualität des neuen Rundenstrategiespiels ableiten lässt. 

Heldenkloppe: Gemütlich statt wild

Das verantwortliche Studio steckt hinter großen Titel aus der Games-Geschichte: Sid Meier’s Gettysburg!, Civilization, Sid Meier’s Pirates! und nicht zuletzt XCOM: Enemy Unknown. Bei letzterem Titel hat man sich für Marvel’s Midnight Suns bedient, nicht aber ohne mit einem Kartenspielmechanismus neue Akzente zu setzen. Spielerisch bringt das große Änderungen mit. Denn: die nun rundenbasierten Kämpfe fühlen sich deutlich anders an als bei den bislang erschienenen Marvel-Spielen. Marvel’s Midnight Suns ist eben ein klassisches Strategiespiel. Und es macht seine Sache diesbezüglich ziemlich gut.

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Alte Marvel-Weisheit: Hydra als Gegner geht immer. Bild: Spielpunkt

Auch sonst bedient man sich für das neue Videospiel im Fundus der klassischen Unterhaltungsgaranten aus dem Comicuniversum. Kurz gesagt: die Geheimorganisation Hydra ist zurück. Und sie tut, was sie am besten kann – fiese Pläne in die Tat umsetzen. Prominente – und ziemlich boshafte – Unterstützung erhalten die Fieslinge dabei von der Dämonenhexe Lilith. Bei deren erstem Auftritt bleibt so manchem Helden auch direkt die Luft weg. Die Zaubertante ist offensichtlich gefährlich. 

Der Kniff ist clever gewählt. Denn Lilith ist bei Marvel’s Midnight Suns nicht nur die Oberschurkin, sondern zugleich der Anknüpfungspunkt für die Einführung des Spielercharakters. Hunter, so sein Name, ist der Sohn der Hexe und soll dafür sorgen, dass Mütterchen den Weg zurück in die Hölle findet. Ihm zur Seite stehen die namensgebenden Midnight Suns samt einiger klassischer Superhelden. 

Einsteigerfreundliches Lizenzspiel

Deutlich einsteigerfreundlicher als bisherige Firaxis-Titel ist das neue Lizenzspiel. Den Expertenstatus des Studios für Strategiespiele merkt man allerdings auch Marvel’s Midnight Suns an. Für den Spielablauf setzen die Macher auf ein bisschen Erkundung, vor allem aber auf taktische Kämpfe, die angetrieben werden durch ein Kartenaktionssysten wie man es zum Beispiel von Hit-Spielen wie Slay the Spire oder auch dem Witcher-Kartenspiel Gwent kennen kann. Die dem Ganzen zugrundeliegende Deckbuilding-Mechanik ist zudem ein Novum für ein Marvel-Action-Spiel.

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Die Kämpfe sind taktisch, aber actionreich in Szene gesetzt. Bild: Spielpunkt

Das System ist dabei grundsätzlich simpel: Man hat drei Aktionen zur freien Verfügung, die durch jeweils zufällig aus dem Deck gezogene Karten dargestellt werden. Das reicht von Direktschaden über defensive Aktionen bis hin zu taktischen Manövern, um beispielsweise Karten auszutauschen. Zentral ist dabei einerseits der Aufbau von „Heldenmut“, einer Ressource für besonders mächtige Aktionen, sowie das Ausnutzen von Synergien. Darin liegt auch di größte Herausforderung des Spiels, denn was zu Beginn noch verwirrend erscheinen mag, entpuppt sich im Spielverlauf als ziemlich spannende Grundmechanik. Zeit zur Kartenauswahl hat man reichlich, Marvel’s Midnight Suns setzt Spieler nicht unter Druck.

Die Action steht insgesamt trotz strategischem Spielansatz deutlich im Mittelpunkt. Denn: Die richtige Positionierung der Helden ist eher ein taktischer Sidekick als spielentscheidend. Dennoch lassen sich mit einigen cleveren Bewegungsmanövern Aktionskarten sparen. So wirft man Steine auf die Gegner oder schiebt ihnen Müllcontainer oder Möbel gegen die Beine. Zumindest optimieren lassen die die Aktionen somit durch kluge Positionswechsel. Zugleich werden die Kampfumgebungen interaktiv, was dem Spielablauf deutlich mehr Leben verleiht als die starren Maps bei der XCOM-Reihe. 

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Spielercharakter Hunter wird von Blade überrascht. Bild: Spielpunkt

Die Heldenaktionen orientieren sich natürlich an ihren Comicvorbildern: Wolverine langt kräftig zu und verfügt über Lebensraub, Doctor Strange zaubert herum und teilt mächtig Schaden aus, Spiderman überzeugt durch Agilität. Mitunter kann man dann sogar Serien von Knock-Outs erzielen, weil sich einige Karten rückwirkend erstatten: Schickt man einen Gegner also mit einer „Schnell“-Attacke auf die Bretter, tut man das kostenlos. Auch hier gibt es reichlich Potenzial für Optimierungen beim Kampfablauf, denn es kommt situationsbedingt darauf an, wann man mit welchem Helden welchen Gegner angreift, um möglichst effizient zu agieren. 

Ähnliches gilt allerdings auch für die Gegner. Die sind vor allem bei den Bosskämpfen nicht bloß Schießbudenfiguren, sondern sorgen für Herausforderungen. So gilt es, zunächst Beschützer auszuradieren, Gegenstände zu zerstören oder Attacken zu blocken. Immer wieder trifft man dabei auf Neues, sodass sich während der Missionen auch im späteren Verlauf kaum Routine einstellt. 

Die ikonischen Attacken der Marvel-Figuren sind dabei auch optisch gut umgesetzt. Durch Kameraschwenks und Nahaufnahmen fühlen sich die Aktionen nach ihrer Ausführung wie in einem Actionspiel an. 

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Gefahren gibt es bei Marvel’s Midnight Suns reichlich. Bild: Spielpunkt

Kleinere Schnitzer erlaubt sich allerdings auch Firaxis. Die erfahrenen Entwickler haben offenbar vergessen, bei gegnerischen Angriffen die aufploppenden Schadenszahlen bei den Helden auch visuell in bezüglich des Gesundheitsbalkens umzusetzen. So sieht man die Effizienz der gegnerischen Attacken quasi rundenverzögert. Hier wird das Studios nachbessern müssen. Auch bei der Kartenübersicht lässt sich sicherlich noch einmal Hand anlegen, denn nicht immer ist ersichtlich, was welche Karte tut. Ja, man kann auch nach zig Stunden den Kartentext lesen, aber das geht trotzdem deutlich nutzerfreundlicher. 

Einwandfrei funktioniert hingegen die Steuerung des Spiels – auch mit dem Controller an der Konsole. Teils etwas hakelig ist lediglich die Auswahl der Schadensbereiche, hier benötigt man ein gutes Fingerspitzengefühl, um Gegner möglichst optimal zu treffen. 

Spaß auch abseits der Fights

Auch abseits der Kämpfe funktioniert Marvel’s Midnight Suns und bietet Spielern einiges zu tun. So darf man jeweils am Morgen – das Spiel hat einen Tag-Nacht-Zyklus – eine Gamma-Helix analysieren, um an neue Karten zu kommen. Zudem ist es möglich, doppelte Karten zu verschmelzen oder eben am Heldendeck basteln. Hinzu kommt etwas Fluff-Content: Man schickt Helden auf Missionen oder gestaltet sogar sein Zimmerchen. 

Im Gegensatz zu den taktischen Kämpfen nutzen sich die Nebenspielplätze allerdings deutlich schneller ab, denn es stellt sich einfach eine Routine ein, die man abarbeitet. Einen direkten Zwang haben die Entwickler diesbezüglich zwar nicht eingebaut, man müsste die Aktionen also nicht durchführen, allerdings sind die Belohnungen nicht zu verachten. Dennoch werten die Rollenspielaspekte Marvel’s Midnight Suns letztendlich auf, vor allem die Alltagsgespräche mit den anderen Teammitgliedern lassen die Helden ziemlich menschlich erscheinen. Weil die Aktionen jeweils Zeit kosten, und man irgendwann zu Bett gehen muss, sind hier immer wieder kleinere Entscheidungen notwendig. 

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In der Abteil vertreiben sich Spieler abseits der Kämpfe die Zeit. Bild: Spielpunkt

Insbesondere bei den Gesprächen lohnt sich das Zuhören, denn die englischen Synchronstimmen einiger Helden kennt man aus anderem Helden-Games oder gar aus dem Fernsehen. Inhaltlich können die Dialoge dabei allerdings nicht immer mithalten, einiges ist schlicht albern. Der stetige Wechsel aus Szenen aus dem Superhelden-Alltag und actionsreichen Taktik-Kämpfen erweist sich am Ende trotz einiger Schwächen als genau richtig. Marvel’s Midnight Suns gelingt es dadurch tatsächlich eine Geschichte zu erzählen – oder mehrere kleinere, je nach Sichtweise. Rund 35 Stunden ist man mit der Kampage beschäftigt, dann ist Schluss. Echte Fans können auch noch einige Stunden mehr herausholen, wenn sie mehr Wert auf die Nebenaufgaben legen. 

Fast schon ärgerlich für dieses Spiel: Mikrotransaktionen. Die passen so gar nicht zu dem Titel, auch wenn Publisher 2K sich ausschließlich auf kosmetische Inhalte beschränkt. Man kann die Inhalte auch freispielen, allerdings verlangt das eine gewisse Frustrationstoleranz – auch bezüglich der etwas zu aggressiven Werbung für die Echtgeld-Cosmetics.   

Infobox

Spielerzahl: Singleplayer
Alter: ab 12 Jahren
Schwierigkeit: mittel
Langzeitmotivation: mittel
Genre: Rundentaktik
Untergenre: Taktik-Kartenspiel

Entwickler: Firaxis
Publisher: 2K
Offizielle Website: Link
Erscheinungsjahr: 2022
Plattformen (Testsystem): Playstation 5, Xbox Series X|S, PC | PS4, Xbox One und Switch später
Sprache:  deutsch
Kosten: ab 69,99 Euro 

 

Fazit

Marvel’s Midnight Suns erweist sich als äußerst gelungener Genre-Mix, der vor allem auf den Kampfschauplätzen seine Stärken auszuspielen weiß. Hier merkt man den Machern ihre Affinität zu Strategiespiele an. Wenn Firaxis etwas besonders gut kann, dann sind das rundenbasierte Taktikkonzepte zu kreieren. Das Lizenzspiel ist dabei trotz einiger Anleihen an die XCOM-Reihe kein bloßer Abklatsch mit übergestülpter Marvel-Lizenz, sondern ein ideenreiches Spiel. 

Im Zentrum steht das Deckbuilding-System. Spieler basteln im Verlauf also immer wieder an ihrem Kartenstapel, verbessern ihn, und sind dann in den Kämpfen deutlich effizienter. 

Abseits davon ist Marvel’s Midnight Suns ein zweischneidiges Schwert. Es gibt einerseits tolle Nebengeschichten und interessante Konversationen mit teils vielschichtigen Charaktere, aber andererseits auch plumpe Dialoge, die man besser weggelassen oder zumindest überarbeitet hätte. Auch die sich nach rund der Hälfte der Spielzeit einstellende Routine bei den Aktionen in der Abteil stehen einer Topwertung im Weg. Die hätte das Spiel aufgrund der tollen Umsetzung des Kartenspielsystem durchaus verdient, aber Marvel’s Midnight Suns besteht nun mal nicht allein daraus. Den Abenteuerpart hat Firaxis am Ende zwar nicht verbockt, aber hier wäre mehr drin gewesen. Vor allem die Längen nerven mitunter, denn immer wieder zögert das Spiel – beziehungsweise die Story – den Sieg der Helden hinaus. Das verlängert das Spielerlebnis zwar deutlich, fühlt sich allerdings teilweise ziemlich absurd an. 

Dennoch: Marvel’s Midnight Suns ist ein erstaunlich unterhaltsames Strategiespiel und zudem ein echtes Novum für das Franchise. Schon allein deshalb kommen Fans nicht um das Spiel herum. Alle anderen wird der Titel vor allem wegen des Kartenspielsystem ansprechen und auch in den Bann ziehen. Das Knobeln am Kartendeck und das Entdecken von Synergien zwischen den einzelnen Heldinnen und Helden sorgt für großen Spaß. 

Autor

Letzte Aktualisierung am 26.01.2023 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API. * = Affiliate Links. Bilder von Amazon PA-API