Azul: Die Gärten der Königin ist neu, die Grundidee des Spiels allerdings ähnelt den Vorgängern. Eine Kopie ist das aber dennoch nicht: Der aktuellste Ableger der Reihe hat Alleinstellungsmerkmale, setzt aber auch auf Bewährtes. In Summe macht genau diese Kombination das Spiel aus. 

In einem älteren Beitrag habe ich die ersten drei Azul-Teile miteinander verbunden. In diesem Beitrag liegt der Fokus komplett auf dem neusten Teil Azul: Die Gärten der Königin. Wie schlägt sich der neuste Teil? Was ist neu, was ist gleich? Geht der Azul-Reihe langsam die Luft aus?

Ein neuer Auftrag von König Manuel I. 

In der bisherigen Spielreihe habt ihr für König Manuel I. ein schönes Wandmosaik dekoriert, die Buntglasfenster eines Palasts gestaltet und einen Sommerpavillion errichtet. In diesem Teil errichten wir einen schönen Garten für die Gemahlin des Königs, Königin Maria von Aragón. Dieser Garten gehören auch heute noch zu den berühmtesten in Portugal. Wie auch die bisherigen Teile ist das Spiel von Michael Kiesling und bei Plan B Games erschienen. Das Spielprinzip ist weiterhin als Tile Placement (dt. Legespiel). Um Punkte zu sammeln, müsst ihr Steine mit Bäumen, Pflanzen und Tiere miteinander kombiniert.

Seinen größten Reiz entfaltet das Brettspiel dabei in der klassischen Duellsituation. Das Zwei-Spieler-Spiel überzeugt und ist “auf den Punkt”.  Mitunter sind Handlungen dann allerdings vorherzusehen. Etwas mehr Unerwartetes kommt hinzu, wenn man sich an Azul: Die Gärten der Königin zu dritt heranwagt. Die Gruppenzusammensetzung darf so bunt gemischt sein wie die Legesteinchen der gesamten Azul-Reihe es stehts waren und auch diesmal wieder sind. Azul: Die Gärten der Königin ist einfach zu lernen, die Grundregeln beherrscht man binnen kurzer Zeit. Ein Garant für Erfolge ist das aber nicht, denn bis man tatsächlich strategische Zügen auf dem Spielbrett umsetzen kann, werden einige Partien vergehen. Womöglich liegt das auch am Regelwerk selbst, das ist alles andere als optimal für die angedachte Zielgruppe. 

Doch wie baue ich einen prachtvollen Garten überhaupt und was muss ich dabei beachten? Das Nehmen der Steine ist das einfachste. Ähnlich wie ihr es von den anderen Teilen kennt, könnt ihr mehrere Steine aus der Auslage nehmen. Entweder alle Steine mit derselben Farbe (allerdings darf jedes Symbol nur einmal vorkommen) oder alle Steine mit derselben Form (jede Farbe darf nur einmal vorkommen). Sobald mindestens ein Stein vom obersten Gartenplättchen genommen wurde, legt ihr es mit den verbleibenden Steinen etwas versetzt und platziert auf dem jetzt obersten Plättchen vier neue Steine.

Dadurch kommen immer neue Steine in die Auslage und eure Auswahl steigt. Nimmt eine Person den letzten Stein von einem Gartenplättchen, dreht ihr dieses um. Die Vorderseite unterscheidet sich von der Rückseite in zwei Aspekten: Zum einen befindet sich ein Pavillon in der Mitte, der, wenn er komplett umbaut wird, euch einen Jokerstein einbringt. Zum anderen ist ein Stein vorgedruckt, der auch als solcher verwendet wird. Beim Anlegen muss der jeweilige Preis bezahlt werden und die Anlegeregeln berücksichtigt werden.

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Azul: Die Gärten der Königin, Fokus auf die Auslage, Foto: Tim Nissel

Kommen wir zurück zu den kleinen Steinen. Diese sammelt ihr auf eurer Ablage, bis ihr sie platzieren wollt. Beim Platzieren ist einiges zu beachten. Zum einen müsst ihr immer die Kosten des Steins bezahlen, wenn ihr ihn anlegen wollt. Wie teuer er ist, wird aber sehr gut dargestellt. Es gibt eine Kostenanzeige in eurem Garten und die Häufigkeit der Symbole auf den Steinen entspricht ebenfalls den Kosten. Der Baum ist alleine auf dem Stein und kostet 1, der Vogel hat zwei Flügel und kostet 2 usw. Dabei wird der auszuspielende Stein bei der Bezahlung mitberücksichtigt; der Baum ist somit kostenlos.

Die Abläufe hat man zügig erlernt, dann erst beginnt bei Azul: Die Gärten der Königin der große Spaß. Das Spiel mit dem Spiel steht nun im Mittelpunkt und damit der Drang, sich an stetiger Optimierung zu versuchen. Unterhaltsamer ist das mit dem neuen Teil vor allem aufgrund des gehobeneren strategischen Ansatzes. Azul: Die Gärten der Königin erfordert deutlich mehr Denkarbeit als seine Vorgänger. Gleichzeitig bedeutet das auch, dass dieser Ableger – trotz der zumindest für Kenner nachvollziehbaren Regenkniffe – der schwierigste von allen ist. Azul: Die Gärten der Königin ist weniger Türöffner als die Brettspiele der Reihe zuvor und deutlich weniger als das ursprüngliche Azul. Motivierend ist allerdings, dass selbst 

Clevere Gartenarbeit

Immer wieder kommt es zu Entscheidungssituationen, die einen Teil des Reizes von Azul: Die Gärten der Königin ausmacht. Beim Bezahlen müsst ihr auch etwas berücksichtigen, denn die Steine, mit denen ihr bezahlt, müssen entweder alle in derselben Farbe sein (aber mit unterschiedlichen Symbolen) oder dasselbe Symbol haben (aber mit unterschiedlichen Farben). Das kann manchmal sehr frustrierend sein, da so besonders die teuren Steine nur sehr schwer zu legen sind.

Es gibt zwar Joker und ihr könnt auch weitere Joker-Steine im Laufe des Spiels bekommen, aber hochwertige Steine zu legen ist nicht einfach. Habe ich den Stein bezahlt, kann ich ihn platzieren. Problemlos sind immer die Steine, die an keine anderen Steine angrenzen. Hier braucht ihr nichts berücksichtigen. Wollt ihr Steine angrenzend anlegen, und das ist auch sehr sinnvoll, dann muss der Stein entweder: dieselbe Farbe haben wie der benachbarte Stein oder dasselbe Symbol haben wie der benachbarte Stein.

Dadurch bildet ihr Gruppen von Farben und Symbolen. Aber Achtung: In jeder Gruppe darf kein Stein doppelt vorkommen! Auch nicht, wenn ihr später zwei Gruppen miteinander verbinden wollt. Es gibt also durchaus einiges zu beachten, wenn ihr einen erfolgreichen Garten bauen wollt. 

Die Regeln zeigen schnell, dass Azul: Die Gärten der Königin bewährte Kniffe clever mischt. Die Vorgänger drehten sich um Muster- oder Farbsammelei, diesmal muss man beides tun. Im Grunde könnte man Azul: Die Gärten der Königin als konsequente Weiterentwicklung der Grundidee bezeichnen. Michael Kiesling ist das Kunststück gelungen, eine Art neues Spielerlebnis aus bekannten Abläufen zu erschaffen. Müsste man eines aller Azul-Brettspiele behalten, so wäre es wohl dieses. 

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König Manuel I. hatte einen Auftrag für die berühmtesten Gärtner Portugals. Foto: Nissel

Neue Runde, neue Wertung, neue Entscheidungen

Bei Die Buntglasfenster von Sinatra gab es bereits einen Mechanismus, mit dem man bestimmen konnte, für welche Steine es in der jeweiligen Runde Bonuspunkte gibt. Ähnlich sieht es auch bei Die Gärten der Königin aus. Allerdings ist hier die Reihenfolge von vornherein festgelegt. Nach jeder Runde dreht ihr die Scheibe um 90 Grad im Uhrzeigersinn und zeigt damit die Wertung der aktuellen Runde an. 

Punkte bekommt ihr für zusammenhängende Gruppen (Steine, die benachbart sind) derselben Farbe oder desselben Symbols. Während es bei den Farbgruppen immer nur einen Punkt pro Stein gibt, sind die Punkte für die Steine auf der Tafel angegeben. Bäume und Vögel geben bspw. einen Punkt, die Schmetterlinge zwei. Beide Wertungen lassen sich auch miteinander kombinieren; in der ersten Runde wird ein blauer Baum doppelt gewertet. Zusätzlich bekommt man für jeden Pavillon im Garten noch einen weiteren Punkt. 

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Azul: Die Gärten der Königin bringt auch Neues mit. Foto: Nissel

Die Schlusswertung unterscheidet sich etwas von den Zwischenwertungen. Auf dem Spielplan wird angezeigt, in welcher Reihenfolge ihr die Wertung vornehmt. Dabei werden jetzt allerdings nur Gruppen gewertet, die aus mindestens drei Steinen bestehen. Wie viele Punkte die Gruppe wert ist, hängt an dem jeweiligen Symbol. Bäume geben jeweils 1 Punkt, Vögel 2, Schmetterlinge 3, usw. Auch hier könnt ihr Steine mehrfach werten, einmal in Farbgruppen und einmal in Symbolgruppen. Für Gruppen, die aus 6 Steinen bestehen, gibt es zusätzlich noch 6 Bonuspunkte. Darüber hinaus bekommt ihr noch Punkte und Minuspunkte für euer Lager. Joker geben euch jeweils einen Punkt, alle übrigen Steine Minuspunkte entsprechend ihrer Wertigkeit. Wer am Ende die meisten Punkte hat, gewinnt. Bei Gleichstand gibt es mehrere Gewinner. 

Wie so oft bei Brettspielen, ist auch bei Azul: Die Gärten der Königin der Weg das große Ziel. Klar, es geht um Punkte, aber vorrangig geht es um die Art und Weise, wie man die Anzahl seiner erreichten Zähler so effizient wie möglich gestaltet. 

Azul: Die Gärten der Königin ist klar das komplexeste aller Azul-Brettspiele, dennoch sind die Regeln schnell verinnerlicht. Ein flüssiges Spiel entsteht dadurch schnell. Allerdings gilt gleichzeitig: Aufgrund der vielen Entscheidungen und ihrer weitreichenden Konsequenzen kann es am Spieltisch mitunter mucksmäuschenstill werden. Das führt bei einem kompetitiven Brettspiel schon fast zu unheimlichen Situationen. Die Spieler sind derart in Gedanken versunken, dass jegliches Gesellschaftsspiel-Feeling flöten geht. Ein Manko? Mitnichten. Azul: Die Gärten der Königin ist so unterhaltsam wie alle Vorgänger zusammen. Es ist die Essenz des Spielspaßes einer ganzen Reihe.    

Infobox

Personenzahl: 2 bis 4
Alter: ab 10 Jahren
Spielzeit: 40 bis 60 Minuten
Schwierigkeit: leicht
Langzeitmotivation: mittel
Genre: Strategiespiel
Subgenre: Legespiel
Kernmechanismen: Tile placement, Pattern Building, Set Collection

Autor: Michael Kiesling
Gestaltung: Chris Quilliams
Verlag: Next Move Games
Offizielle Website: Link
Erscheinungsjahr: 2021
Sprache: deutsch
Kosten: 36 Euro

Fazit

Die Grundidee von Azul zieht sich auch durch den vierten Teil der Reihe: Ihr nehmt nach der gleichen Mechanik Steine und legt diese bei euch passend an. Dabei müsst ihr sowohl auf die Position als auch auf die Art des Steins achten. Durch die gleiche Grundmechanik kommen Fans der Reihe gut in das Spiel rein, es gibt aber auch zahöreiche Neuerungen, sodass jedes Spiel der Reihe weiterhin seinen ganz eigenen Reiz bietet. 

Da immer nur eine kleine Auswahl an Steinen auf den Manufakturplättchen liegen, müsst ihr eure Strategie in jeder Runde neu anpassen. Das kann frustrierend sein, wenn nicht mehr die Steine kommen, die ihr benötigt, es ist aber durch diese Abwechslung auch sehr spannend. Bei den bisherigen Azul-Teilen konnte man immer alle verfügbaren Steine sehen und etwas vorweg planen (mit dem Risiko, dass eine andere Person die Steine wegnimmt).

Doch für wen eignet sich Azul: Die Gärten der Königin am Ende? Diese Frage lässt sich nicht so leicht beantworte. Das Spiel hebt sich von der Komplexität merklich von den bisherigen Azul-Teilen ab. Azul war zwar nie ein Spiel, ohne viele Regeln, aber es waren Regeln, die sich schnell verinnerlichen ließen und somit ideal auch für Personen waren, die wenig Kontakt mit Spielen haben. Dennoch hatte Azul mit seiner Spielmechanik seinen eigenen Reiz und war nie bloß ein Einstiegsspiel. Hiervon hebt sich Die Gärten der Königin merklich von den bisherigen Spielen ab – auch wenn es dadurch natürlich auch kein Kennerspiel ist. Es ist ein anspruchsvolleres Azul, als bisher und benötigt beim Spielen mehr Überlegungen.

Dadurch schafft das Spiel es, sich derart zu wandeln, dass man nicht sagt “Ach noch ein weiteres Azul-Spiel”, sondern die Besonderheiten des Spiels erkennt. Spiel-Reihen laufen manchmal Gefahr, dass sie quasi eine Spielmechanik in verschiedene Spiele packen und zu wenig Neuerungen bringen, um den Reiz aufrechtzuerhalten. Nach drei Azul-Teilen habe ich diese Gefahr ebenfalls gesehen, ich bin aber jetzt der Meinung, dass dieses Risiko gelungen begegnet wurde. 

Letzte Aktualisierung am 1.12.2022 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API. * = Affiliate Links. Bilder von Amazon PA-API