Mit Offene Rechnungen (engl. Unfinished Business) ist die erste Erweiterung für das Brettspiel Star Wars: Outer Rim erschienen – hierzulande deutschsprachig lokalisiert über Asmodee. Die Macher haben an den kleinen Stellschrauben gedreht, die Erweiterung wird dadurch nicht zu einem Gamechanger. Haben sollten Fans des Grundspiels Offene Rechnungen dennoch, denn die Erweiterung untermauert vor allem die Stärken des Brettspiels.

Es gibt Zeiten, da hat man als Kopfgeldjäger, Söldner oder Händler in der Galaxis alles gesehen, was man sehen kann und alle Abenteuer erlebt, die man erleben kann. Und dann? Blaue Milch in der Cantina trinken oder im Outer Rim auf die Suche gehen nach Unentdecktem. Fantasy Flight Games respektive Asmodee Deutschland machen es den Fans zumindest einfach – sie haben einige offene Rechnungen im Gepäck.

Star Wars: Outer Rim – Offene Rechnungen, unbekannte Geschichten

Fans hatten durchaus eine längere Zeit auf die Erweiterung warten müssen. Das Pick up-and-deliver-Brettspiel Star Wars: Outer Rim erschien bereits im Jahr 2019, hielt viele kleine Geschichten und große Abenteuer im Äußeren Rand bereit und gilt als eines der besten Star Wars-Brettspiele, die man derzeit für Credits kaufen kann.

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Die Spielplanerweiterungen sind zentrale Bestandteile – und so etwas wie die spielerischen Highlights der Erweiterung. Foto: Volkmann

Das Grundspiel war nicht frei von Schwächen, überzeugte allerdings vor allem durch sein Erzählkonzept und seine Atmosphäre. Viel mehr Star Wars kann man am Brettspieltisch nicht erleben. Für alle, die mit dem Franchise nichts anfangen können, bietet das Grundspiel zumindest eine solide Mechanik, die für Unterhaltung sorgt – sofern man sich auf den teils zähen Spielfluss zumindest etwas einlassen kann.

Irgendwann ist die Luft allerdings raus. Man hat jede Spielkarte fünfmal umgedreht, alles gelesen, alles gesehen, oft gewonnen oder verloren. Frühzeitig nach dem Release von Star Wars: Outer Rim deutete Fantasy Flight Games an, dass man Nachschub veröffentlichen würde, zu diesem Zeitpunkt war bis zur Bekanntgabe der Erweiterung jedoch völlig unklar, wann die Geschichte weitergehen würde. Nun ist es jedenfalls soweit und mindestens Fans des Grundspiels kommen um Star Wars: Outer Rim – Offene Rechnungen nicht herum.

Gründe gibt es dafür mehrere: Die Macher haben an allen zentralen Elementen gearbeitet und entsprechend für neue Inhalte gesorgt. Es gibt neue Schiffe, Ausrüstungen, Charaktere, Aufgabe, sogar neue Mechaniken. Nichts davon scheint die Erweiterung auf den ersten Blick zu einem Pflichtkauf zu machen, allerdings ist es am Ende das stimmige Gesamtpaket, das einen “Unfinished Business” nicht missen lassen möchte. Das Add-on ist keine Runderneuerung, denn die hatte das Grundspiel gar nicht nötig. Es ist vielmehr eine Optimierung der bereits funktionierenden Strukturen – gleichwohl gilt das auch für die Schwächen des Spiels. Es hat manchmal Längen, das Handelsprinzip ist etwas fummelig, teils sperrig. Offene Rechnungen fügt dem Grundspiel dafür auf der Detailebene viele Features hinzu, die es zu beachten gilt. Das macht den Spielablauf komplexer, nicht unbedingt aber komplizierter – lobenswert. Dennoch: Weil die Erweiterung keine Pflicht ist, können und sollten Einsteiger zunächst das Grundspiel auskosten. Darin gibt es genug zu tun – mit “Unfinished Busniness” lässt sich der Spaß im Nachhinein verlängern.

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Han Solo als Crewmitglied? Mit der Erweiterung ist das möglich – ein cooles Feature. Foto: Volkmann

Gleiches Konzept, aber abwechslungsreicher

Das Konzept bleibt gleich: Man schlüpft in die Rolle eines aus Star Wars bekannten Charakters, rüstet sich und sein Schiff aus, heuert Crewmitglieder an und erfüllt verschiedene Aufgaben von Kopfgeldjagden bis hin zu Handelsaufträgen, um an Ruhmespunkte zu gelangen. Auf dem Weg dorthin erlebt man viel: die Geschichte entspinnt sich Zug um Zug per Kartenexten. Kaum eine Partie verläuft gleich. Die offensichtlichste Neuerung der Erweiterung Star Wars: Outer Rim – Offene Rechnungen sind die neue Spielplan-Teile, die den Äußeren Rand ergänzen. Mittels Hyperantriebsreisen kann man von einem Ende des Spielbretts zum anderen springen, allerdings auf Kosten der Sicherheit. Der Spielablauf wird durch den Kniff spannender und gleichzeitig gestrafft. Man kann, muss aber nicht mehr den gesamten Äußeren Rand durchqueren, sondern kann abkürzen. Das passt prima zu Star Wars an sich – gleichzeitig aber auch zum Brettspiel. Es ist schlicht praktischer, um bestimmte Aufträge effizient abarbeiten zu können. Einfacher wird es dadurch nur bedingt, denn hinter dem Flug steckt immer auch eine Entscheidung: Risiko wagen oder nicht?

Ein spezieller Begegnungsstapel sorgt für so mache unliebsame Überraschung, die einen mitunter teuer zu stehen kommen kann. Man verliert Credits oder der Ruf bei den Fraktionen verschiebt sich. Es bringt einen weiteren kleinen Spannungsmoment ins Spiel. Und die Kurzreise-Option hat noch einen, viel deutlicheren Effekt: Man zeigt sich flexibler was die Auswahl der Aufträge angeht. Hatte man vorher Aufgaben aufgrund eines zu großen Reisehindernisses einfach abgelehnt, so nimmt man sie nun gern mit. Das sorgt für eine Erweiterung der Qqest-Optionen, was sich letztendlich positiv auf den Spielfluss auswirkt.

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Chewbacca als Hauptcharakter war etwas, das man im Grundspiel vermisst hat. Jetzt ist es da! Foto: Volkmann

Offene Rechnungen setzt ansonsten grundsätzlich bei den Stärken des Grundspiels an und baut sie aus: Über 200 neue Karten, von denen rund die Hälfte Begegnungskarten sind, bringen weitere Story-Fetzen ins Spiel. Star Wars: Outer Rim gewinnt also an Erzählmomenten. Der Rest ist Ausstattung: Charaktere, Marktkarten und Co. Und: Auch neue KI-Karten sind enthalten, die das Spiel gegen imaginäre Gegenspieler deutlich aufwerten, denn mit der Kopfgeldjäger-KI gibt es einen neuen Ansatz für den Solo-Spielspaß. Zudem ermöglicht die Erweiterung nun auch das Solospiel gegen mehrere Fantasie-Gegner – ein deutliches Plus für jene, die ihre Freunde und Bekannten nicht für Star Wars-Brettspiele begeistern können. Der Grad der Herausforderung ist mitunter hoch, ganz so entspannt wie im Grundspiel geht es für Alleinspielende nicht mehr zu. Im Gegensatz für Mehrspieler-Fans ist Star Wars: Outer Rim – Offene Rechnungen für Solo-Spieler tatsächlich nah dran am Pflichtkauf.

Insgesamt gilt dennoch: Die Erweiterung ist mit Kosten von rund 40 Euro kein Schnäppchen. Die Ausstattung ist nicht unbedingt dürftig, allerdings angesichts des aufgerufenen Preises auch nicht gerade üppig. Am Ende lohnt sich die Investition trotzdem – es kommt Spaß auf und zwar noch ein My mehr als im Grundspiel. Nicht zuletzt liegt das an dem teils erzwungeneren Ansatz zu Interaktionen. Die waren im Grundspiel nämlich vorhanden, aber nicht in einem Maße, das man sich für die konfrontative Welt des Sci-Fantasy-Epois gewünscht hätte. Mit den neuen Jobs für mehrerer Kopfgeldjäger ändert sich das: Spieler werden zur Kooperation aufgefordert. Das neue Spielelement bügelt damit eine kleine Schwäche des Grundspiels aus. Und auch die neuen Kontaktmarken haben einen Einschlag während der Partien: Man kann die populären Charaktere der eigenen Crew hinzufügen, allerdings nicht, ohne dafür auch einen stolz Preis zu zahlen.

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Für Solo-Spieler ist die neue Erweiterung für Star Wars: Outer Rim deutlich näher dran am Pflichtkauf als für Mehrspieler-Fans. Foto: Volkmann

Ein kleines Highlight sind zudem die Schulden-Marker, eine optionale Regel für erfahrene Outer-Rim-Fans. Durch die Gefälligkeiten kann sich zeitweise Vorteile verschaffen, allerdings kann man später von anderen in die Pflicht genommen werden, um den Gefallen zu erwidern. Ein bisschen Bluff baut sich drumherum auf, in Ansätzen werden Rollenspielelement spürbar – es erhöht jedenfalls auf einer niedrigen Ebene den Konfrontationsfaktor von Star Wars: Outer Rim. Ebenfalls eine Variante ist das Spiel mit Ambitionen: dann reicht es nicht mehr nur aus, Ruhmespunkte zu sammeln, um zu gewinnen. Man muss auch bestimmte Ziele auf einer zusätzlichen Fortschrittsleiste erfüllen. Das fügt dem Ablauf der Partie etwas Komplexität hinzu, und es sorgt für mehr Abwechslung. Das sorgt nicht nur für einen anderen Spielfluss, sondern erfordert auch strategische Veränderungen und eine angepasste Aufgabenauswahl, denn mitunter geht es darum, bei bestimmten Fraktionen eine festgelegte Rufstufe erreichen zu müssen.

Insgesamt knüpft Star Wars: Outer Rim – Offene Rechnungen an allen Ende des Grundspiels an und erweitert das Spielerlebnis oft um sinnvolle Details. Aufgrund der deutlicher Erweiterung der Möglichkeiten, steigt der Langzeitspaß. Offene Rechnungen lässt Fans das Brettspiel Star Wars: Outer Rim nicht nur wieder aus dem Regel holen, sondern auch zukünftig häufiger wieder auf den Tisch bringen. Einsteiger könnte die gestiegene Komplexität überfordern, hier empfiehlt sich Übung mit einigen Grundspiel-Partien.

Infobox

Spielerzahl: 1 bis 4
Alter: ab 13 Jahren
Spielzeit: 120 bis 150 Minuten
Schwierigkeit: mittel
Langzeitmotivation: hoch
Genre: Expertenspiel
Kernmechanismen: Pick up and deliver, Ruhmespunkte, Kämpfe, Würfeln

Autoren: Toni Fanchi, Corey Konieczka
Verlag: Asmodee
Offizielle Website: Link
Erscheinungsjahr: 2022
Sprache: Deutsch
Kosten: 40 Euro

Fazit

Keine Frage, die Erweiterung Star Wars: Outer Rim – Offene Rechnungen hat ihren Preis. Die Investition können Fans des Grundspiels bedenkenlos wagen. Alle anderen würden zumindest auf spielmechanischer Ebene von den zusätzlichen Inhalten und Konzepten profitieren. Schon das Grundspiel hat längst nicht nur Fans des Franchise angesprochen, sondern konnte auch bezüglich des Spielflusses überzeugen. Einige Längen außer Acht gelassen, war und ist Star Wars: Outer Rim eines der besonders atmosphärischen Pick up-and-deliver-Brettspiele. Das ändert sich mit der Erweiterung nicht. Im Gegenteil: Es gibt mehr von allem.

Auch rein spielerisch haben die Autoren Toni Fanchi und Corey Konieczka an den richtigen Stellen nachgearbeitet. Der Spielablauf ist gestrafft, lässt sich mit alternativen Regeln zusätzlich aufpolieren und glänzt mit eine Deut mehr an Varianz. Die resultiert vor allem aus der Spielfeldanpassung selbst. Die Hyperraumabkürzungen sind kleine Maßnahmen mit großen Effekten. Statt Zeit für Reisen zu verschwenden, setzt man den Fokus noch mehr auf die Missionen. Das führt letztendlich auch zu mehr Solo-Spieler in großer Runde, aber auch hier sorgen Optimierungen zumindest in deutlich mehr Spielmomenten für notwendige Interaktion.

Ob Star Wars: Outer Rim – Offene Rechnungen ein Muss ist? Nicht so sehr wie es bei Dune: Imperium und der Erweiterung Rise of Ix der Fall ist, aber durch die vielen kleinen Neuerungen muss man zumindest zweimal drüber nachdenken, ob man auf Offene Rechnungen wirklich verzichten möchte. Dem Spiel tun die Inhalte gut, was man letztendlich vor allem dann nutzen sollte, wenn man mit dem Grundspiel schon immer seinen Spaß hatte, nun aber auf der Suche nach Abwechslung ist.

Vor allem Solo-Spieler ziehen einen Mehrwert aus dem neuen Material. Statt entspannt im Duell-Modus des Grundspiels zu verharren, kann man sich in eine spannende Partie gegen mehrere KI-Gegner stürzen – durchaus herausfordernd und in diesem Fall jeden Credit wert.

Due neuen Charaktere – Du nicht, Chewie! – sind Optionen, allerdings nicht unbedingt die populärsten des Franchise. Man kann sie kennen, wird es als Fan sogar zweifellos, für alle anderen sind Enfys Nest, Hera Syndulla oder Maz Kanata aber lediglich mehr vom Gleichen. Immerhin: Es passt thematisch alles zur Erweiterung. Am Ende ist es aber auch in diesem Fall so: Hat man Star Wars: Outer Rim einmal mit Erweiterung gespielt, wird man es nicht mehr ohne spielen wollen.

Autor

Letzte Aktualisierung am 3.08.2022 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API. * = Affiliate Links. Bilder von Amazon PA-API