Mit Detective: Erste Fälle hat der Verlag Pegasus Spiele für Nachschub gesorgt in einem Genre, bei dem zunächst nicht sicher war, ob es sich tatsächlich durchsetzen würde: Brettspiele mit integrierter digitaler Unterstützung. In zwischen ist klar: derartige Hybride kommen an, vor allem, weil sie technisch funktionieren, für Immersion sorgen und letztendlich unterhaltsam sind. Detective: Erste Fälle ist der Nachfolger zu Detective das ebenfalls im Original von Ignacy Trzewiczek und Portal Games stammt. „Erste Fälle“ soll eher eine Einführung in das Genre darstellen und keine story-technisches Sequel. Dennoch: Auch Detective: Erste Fälle ist alles andere als einfach.


Drei eigenständige Kriminalfälle um fast das von den Designern Ignacy Trzewiczek, Merry Nowak-Trzewiczek und Weronika Spyra erdachte Nachfolgespiel zu dem 2018 erschienenen Detective. Zwar lässt sich auch Erste Fälle alleine angehen, Solo-Ermittler haben es erfahrungsgemäß etwas schwerer, weil ihnen mitunter die Gruppenintelligenz in bestimmten Situationen fehlen kann. Ansonsten richtet sich das Ermittlungsspiel an bis zu fünf Spieler im Alter ab zwölf Jahren.

Länger als jede Tatort-Folge

Die Spielzeit der drei Fälle ist mit 90 bis 120 Minuten überschaubar, aber alles andere als kurz. Wo länger ermittelt werden muss als ich einer durchschnittlichen CSI-Fernsehfolge, das ist von einem gewissen Herausforderungsgrad auszugehen. Und tatsächlich: Obwohl Detective: Erste Fälle eher als eine Art Genre-Teaser herhalten und neue Zielgruppen für die Art von Spiel begeistern soll, sind die Fälle knackig, knifflig und nur mit Hirnschmalz zu lösen.

Jeder der drei Geschichten ist völlig eigenständig – sowohl bezüglich der thematischen Ausrichtung als auch der Örtlichkeiten. Spieler verschlägt es nach Großbritannien, wo sie Familiengeheimnisse beleuchten und dazu passend ein altes Herrenhaus nach Hinweisen durchsuchen müssen. Stilistisch ist das angesiedelt bei Krimiklassiker à la Agatha Christie oder Edgar Wallace. Nicht zuletzt, weil es nicht allzu ernst zugeht: Ryan Johnsons Knives Out lässt grüßen.

Detective: Erste Fälle ist die familienfreundlichere Version des Originals. Foto: Volkmann

Detective: Erste Fälle ist die familienfreundlichere Version des Originals. Foto: Volkmann

Weitaus intensiver fällt da schon der Bandenkonflikt in Italien aus, bei dem Spieler den Mord an Robert Parkson aufklären müssen. Fans von Mafiaclan-Thrillern kommen auf ihre Kosten, denn es ist ein spürbarer Spannungsbogen vorhanden – und nicht immer ist klar, ob jemand in dem Setting wachsender Konflikte die Wahrheit sagt.

 Der dritte Fall führt die Ermittler an einer Universität in den Vereinigten Staaten. Das Setting ist eher klassisch: Ein toter Professor wird in einem Biologie-Labor gefunden. Aufgabe der Spielergruppe ist es nun, die Umstände seines Ablebens zu beleuchten. Handelte es sich um einen natürlichen Tod? War es ein Mord? Was ist das Motiv?

Der Ablauf ist bei allen Fällen zunächst ähnlich: Das Setting wird aufgebaut, dazu ist jeweils ein spezielles Kartenset vorhanden. 24 Karten schreiben die Geschichte, ein knappen Regelwerk gibt an, was zu tun ist. Dann liegt es an den Ermittlern, die sich zwar bezüglich ihrer Charaktermodelle unterscheiden, letztendlich aber alle gleich zu spielen sind. Was dann folgt, ist die Einbeziehung des digitalen Parts: Man meldet sich auf der Webseite an, die für das Brettspiel entwickelt worden ist. So startet der Fall.

Detective: Erste Fälle bietet drei unabhängige Krimi-Geschichten. Foto: Volkmann

Detective: Erste Fälle bietet drei unabhängige Krimi-Geschichten. Foto: Volkmann

Was dann passiert, wie es passiert und wie erfolgreich es verläuft, hängt von den Spielern ab. Grundsätzlich basiert das Konzept des Falllösens auf drei Säulen: Zeitrahmen beachten, Hinweise finden und kombinieren sowie Örtlichkeiten aufsuchen. Teilweise ergeben sich Synergien: Wer etwa zu den Orten fahren muss, benötigt Zeit. Jeweils eine Stunde geht so vom Zeitkonto ab. Und auch das Auflösen so mancher Karten nimmt Zeit in Anspruch. Wie viel das jeweils ist, weiß man im Vorfeld nicht. Die zeitlichen Ressourcen klug einzusetzen, ist also eines von mehreren wesentlichen Details.

Alleingänge unerwünscht

Stets gemeinsam muss die Spielerrunde dabei agieren, Einzelentscheidungen gibt es nicht. Damit man nicht völlig planlos vorgeht, sorgen verschiedene Aktionen dafür, dass das Geschehen rund um den Fall vorangetrieben wird. Spieler ziehen Karten, darauf sind Anweisungen aufgedruckt, jeweils in einer festgelegten Reihenfolge. Ganz grob dargestellt, sorgen diese Karten dafür, dass für den Fall ein Rahmen geschaffen wird. So können die Karten auf die Webseite hinweisen oder die Option bieten, sich einen Sachverhalt genauer anzuschauen. Auch die Skill-Token der Ermittler müssen mitunter ausgegeben werden. Sinnvoll ist, sich in manchen Situationen Notizen zu machen.

Auch wenn es so wirkt, das Brettspiel übernimmt für die Spieler nicht unbedingt die Rolle eines Gedächtnisses. Sich Details und Herangehensweisen zu merken, ist eine der Aufgaben der Spielerrunde – eine reizvolle Freiheit, die man nutzen sollte. Entschließen Spieler sich dazu, tiefgehender zu ermitteln, geht es richtig los mit der Rätselei. In solchen Fällen verrät die Kartenrückseite wichtige Details.

Ein weiteres Tool für die Ermittlerrunde ist die Datenbank, die man durchforsten kann – und das auch sollte. Wer sich den Spaß erhalten möchte, sollte übrigens nicht versuchen, Links wahllos und ratend anzuklicken, sondern auf tatsächliche Logikketten oder zumindest diskutierte Vermutungen bauen.

Neben weiteren festgelegten Aktionen können Spieler außerdem ein Porträt nehmen und dazu verwenden, die Ermittlungsrichtung zu erinnern.

Das Brettspiel ist für bis zu fünf Spieler geeignet. Foto: Volkmann

Das Brettspiel ist für bis zu fünf Spieler geeignet. Foto: Volkmann

Auch wenn Detective: Erste Fälle nicht in Echtzeit abläuft, ist der Zeitfaktor entscheidend. Mit dem Teamwagen herumzufahren und mal hier, mal dort eine Kleinigkeit zu ermitteln, verschwendet Ressourcen. Der Trick liegt darin, eine möglichst logische Ermittlungstaktik zu nutzen. Irgendwann kommt unweigerlich der Zeitpunkt, an dem das Spiel den Ermittlern ihre Entscheidungen abverlangt: das ist Teamwork und ein Brainstorming gefragt. Was hat man bisher ermittelt? Wie wahrscheinlich sind einzelne Lösungen? Gibt es Fakten, die bereits als sicher gelten? Was lässt sich darauf schließen?

Der Computer ist unerbittlich: Er fragt nach der Anmeldung verschiedene Informationen von den Ermittlern ab. Diese sind dann richtig oder nicht. Es gibt keine schwammigen Antworten, sondern Erfolge oder Misserfolge. Das mündet in einer abschließenden Bewertung.

Wer nun meint, er könne die Herausforderung dadurch abschwächen, dass er einfach alle Hinweise sammelt und somit auch alle Karten liest, hat die Rechnung ohne die Autoren gemacht. Dass die zeitlichen Ressourcen knapp bemessen sind, hatten wir mehrfach erwähnt. Das Zeitkonto ist allerdings so mager bestückt, dass man nur rund die Hälfte der Karten lesen kann. Und genau das erschwert die Ermittlungen deutlich. Das wirkt sich zumindest leicht auf den Wiederspielwert aus, bei dem es sich eher wie bei einem Videospiel verhält: Man weiß grundsätzlich, was am Ende passiert, kann aber auf verschiedenen Wegen zur Lösung kommen. Detective: Erste Fälle lässt sich daher mehrfach pro Fall spielen, bestenfalls allerdings in einer jeweils anderen Team-Besetzung. Verändert sich die Zusammensetzung der Gruppe und verzichten die Spieler, die die Fälle bereits kennen, darauf, die unerfahrenen Ermittler in eine Richtung zu drängen, so kann man auch bei einem neuen Anlauf Spaß mit dem Spiel haben. Sicher ist: Die Gruppendynamik wird eine völlig andere sein. Aber: Man sollte mit Beginn des Spiels regelfest sein, denn grundsätzlich ist der erste Durchgang auch der unterhaltsamste. Glücklicherweise – und das ist clever und kundenfreundlich – gibt es als einführenden One-Shot den kostenlosen Print-and-play-Fall Suburbia. Der ist nicht nur ein zusätzlicher Inhalt, sondern empfehlenswert.

Viel Material braucht Detective: Erste Fälle nicht, um Spannung zu erzeugen. Foto: Volkmann

Viel Material braucht Detective: Erste Fälle nicht, um Spannung zu erzeugen. Foto: Volkmann

Offensichtlich ist, dass der Unterhaltungswert direkt mit dem Verhalten der Spieler und ihrer Interaktionen untereinander zusammenhängt. Je eher man bereit ist, in die Geschichten einzutauchen, desto größer wird der Spaß sein. Und dass man sich thematisch in den Fällen verlieren kann, ist überraschend zu bestätigen: Obwohl immer nur vergleichsweise kurze Sequenzen den Fall vorantreiben, gelingt es problemlos, Fuß zu fassen in den völlig voneinander unabhängig spielbaren Geschichten. Die Fälle spielen sich nämlich nur zum Teil auf den Karten oder in der Webdatenbank ab – man ahnt es bereits: Vieles geschieht in den Köpfen der Spieler. 

Und noch etwas ist spannend an den Spielen der Detective-Reihe: Auch wenn die Lösungen im Grunde nur richtig oder falsch, also schwarz oder weiß, sein können, diskutieren die Spieler meistens über die Grauzone. Es gibt nur selten die eine Wahrheit, sondern eine Palette von Möglichkeiten. Das offene Spielerlebnis verstärkt den Effekt. 

Infobox

Spielerzahl: 1 bis  5 Spieler
Alter: ab 12 Jahren
Spieldauer: 90 bis 120 Minuten
Schwierigkeit: mittel
Langzeitmotivation: niedrig

Verlag: Pegasus Spiele
Webseite: Link
Erscheinungsjahr: 2020 
Autor: Ignacy Trzewiczek, Merry Nowak-Trzewiczek, Weronika Spyra
Sprache: deutsch
Kosten:  rund 25 Euro

Fazit

Detective: Erste Fälle ist mehr oder minder ein Einstieg in das moderne Krimi-Genre, allerdings deshalb nicht zwangsläufig einfach zu meistern. Einsteigerfreundlich ist das Brettspiele hingegen schon. Die Geschichten sind eine Klasse für sich: Spannend, lustig, vor allem aber detailliert ausgearbeitet. Groschenroman-Flair stellt sich nicht ein, die Fälle sind nicht als bloßer Abklatsch von großen Kriminalgeschichten ausgearbeitet, sondern in sich stimmig und interessant. Ob und wann es Wendungen gibt, können wir natürlich nicht verraten. Sicher sein kann man sicher aber, dass nicht immer alles so offensichtlich ist, wie es zunächst scheint. 

Detective: Erste Fälle verlangt Spielern Teamwork und Interaktion, aber auch eine grundlegende Fähigkeit zur Selbstorganisation ab. Sich Notizen zu machen, um alle die Hinweise nachverfolgen zu können, wird einem quasi aufgedrängt. Immer wieder muss man die Fakten durchgehen, neue Verknüpfungen her- und Hypothesen aufstellen. Das macht Spaß, vor allem in der Gruppe. Zwar funktioniert das Krimi-Brettspiel auch als Solo-Titel, allerdings ist es gerade die Zusammenarbeit und die teils endlosen Diskussionen über Möglichkeiten, die einen großen Teil des Spielerlebnisses ausmachen. Darauf möchte man nicht verzichten, insbesondere deshalb nicht, weil es nicht beliebig viele Durchgänge gibt. Ja, man kann Detective: Erste Fälle mehrfach spielen, unbedingt darauf ausgelegt ist das Konzept aber nicht. 

Spaß kommt auf, wenn man sich auf die kriminalistische Aufgabenstellung einlässt. Wer das Brettspiel angeht, in der Hoffnung, einfach irgendwie zu einer Lösung zu kommen, wird vermutlich nicht nur scheitern, sondern auch gelangweilt. Wer eintaucht in Detective: Erste Fälle, der wird dafür belohnt. Derartige Genre-Vertreter sind selten und auf ihre Weise besonders. Zwischenzeitlich kommen immer wieder Momente auf, in denen fühlt man sich tatsächlich wie ein Detektiv. Für „Silver Gamer“ ist es auch so eine Art Reise in die Vergangenheit: Wer erinnert sich an die Detektivgeschichten aus der Jugend, die man so oft für unlösbar hielt?

Ähnlich ist das Erlebnis bei Detective: Erste Fälle. man untersucht und sammelt, ist oft ratlos – und dann stellt sich der berühmte Aha-Effekt ein, der die Spieler in der Logikketten nach vorn bringt. So erlebt man immer wieder kleine Zwischenerfolge – manchmal vermeintliche, denn ob man auch richtig liegt, weiß man nicht mit Gewissheit. Aber: Die Fälle sind tatsächlich logisch aufgebaut, reines Herumprobieren benötigt man eigentlich nicht. Letztendlich entscheidet ein Score über die ermittlerische Effizienz. Poppt die Punktzahl auf, ist die Partie aber längst gelaufen, denn die eher mechanische Beantwortung der Fragen ist der Teil, auf den es fast gar nicht mehr ankommt. 

Es handelt sich laut Verlag um eine Familienversion des Originals. Die Beschreibung passt durchaus, denn der Faktor der Herausforderung ist zwar niedriger, aber dennoch spürbar vorhanden. Insgesamt sind die Anforderungen an Deduktion und Lösungswege etwas geringer, einsteigerfreundlicher eben. Man liest Karten, fällt Entscheidungen, das entspricht dem, was man von Rätselspielen kennt. Wie nah man einer echten Lösung und nicht einer vagen Vermutung am Ende kommt, hängt wesentlich von den Spielern ab. Es ist kein Start-Ziel-Brettspiel, sondern eines, das von dem Weg bis zu einer Lösung lebt.


Letzte Aktualisierung am 17.05.2021 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API. * = Affiliate Links. Bilder von Amazon PA-API