Mit Grid Legends hat Codemasters für das über Electronic Arts veröffentlichte Rennspiel ein umfangreiches Paket geschnürt. Viel Inhalt bedeutet allerdings nicht gleichzeitig auch viel Spaß, dennoch macht der Arcade-Racer seine Sache gut. 

Wenn Codemasters bei einem Rennspiel Hand angelegt hat, dann kann man Qualität erwarten. Die bietet Grid Legends auch, allerdings bietet der Arcade-Racer nicht die große Show, die Fans sich erhofft haben. Klar, mit Story-Modus, über 130 Rennstrecken und einer riesigen Auswahl an Rennboliden vom Truck bis hin zu E-Auto bieten die Entwickler einiges. 

Story-Modus: Gri(n)d Legends

Der wohl größte Kniff an Grid Legends ist der neue Story-Modus, für den Codemasters Aufwand betrieben hat. Statt auf rein animierte Charaktere zu setzen, hat man den Widersachern auf der Rennstrecke echte Gesichter verleihen wollen, mit Schauspielern – das ist sogar überwiegend gelungen, hin und wieder muss man aufgrund schräger Szenen jedoch schmunzeln.

Nathan McKane nimmt man jedenfalls überwiegend als jenen Arsch wahr, der er storytechnisch sein soll, ein nicht zu unterschätzender Motivationsfaktor, denn in den Rennen gibt man dann alles, um den Kerl von der Strecke zu schieben. Die ganz große Sensation – man hatte Technik à la The Mandalorian genutzt – ist optisch nicht zu erkennen. Fakt ist: Die Kampagne unterhält, auch wenn sich der Modus stellenweise wie ein Grind anfühlt, denn das Geforderter muss man erreichen, damit man den folgenden Abschnitt freischalten kann. Knapp acht Stunden dauert es, dann ist es vorbei mit der Geschichte. Der Schwierigkeitsgrad variiert von viel zu leicht bis ziemlich schwierig, es wird als im Story-Modus durchaus manchmal fordernd. 

Test Grid Legends

Die Cockpit-Ansicht ist natürlich auch bei Grid Legends dabei. Quelle: Spielpunkt

Was im Gegensatz dazu ziemlich grandios ist an Grid Legends ist die künstliche Intelligenz. Die Gegner-KI ist dermaßen gut, dass sogar das Gefühl aufkommt, man fahre gegen menschliche Spieler um die Spitzenposition. Die KI macht Fehler, drängt ab, landet in der Bande. Das wirkt alles ziemlich authentisch und sorgt während des Rennens für eine tolle Atmosphäre, die man in anderen Racing-Games vermisst.

Lackschaden regt Rivalen auf

Auf nerviges Rubberbanding verzichtet Codemasters, greift dafür erneut auf das Nemesis-System zurück, das Fans des Franchise bereits aus dem Vorgänger kennen. Gegner “merken” sich also, wie man sich ihnen gegenüber auf der Strecke verhält – und manchmal wird man spürbar geärgert von Fahrern, die man zuvor zu sehr geärgert hat. Das hält dann meist für mehrere Rennen an, die Rivalen fahren spürbar aggressiver. Die Schuldfrage stellt sich bei Grid Legends übrigens nicht: wer in den Lack gegnerischer Fahrer rammt, egal aus welchem Grund, kann sich die Lenker zum Feind machen, auch wenn das völlig unabsichtlich passiert. Ein Makel? Mitnichten. Warum sollten sich die KI-Fahrer auch weniger “ärgern”, immerhin versaut man ihnen ein möglicherweise gutes Rennen. 

Der Umfang des Spiels ist eine weitere Stärke: Verschiedene Modi, auch Mehrspielermöglichkeiten, ein Streckeneditor und andere Content-Features sorgen in Verbindung mit dem guten Renngefühl für viele Stunden Spaß. Die Boliden lassen sich sauber über die Strecken steuern, auch wenn man bei ausgeschalteter Stabilitätshilfe etwas zu oft mit der Leitplanke kollidiert – das lässt sich zurückspulen. Ohnehin glänzt Grid Legends, wenn es glänzt, vor allem auf der Strecke: die Kurse sind gut designt und auch die Modelle der Rennautos sind hübsch – die grafische Opulenz eines Forza Horizon 5 erreicht Codemasters Spiel aber trotzdem nicht. Hinten ab fällt die Optik quasi hinter der Leitplanke. Die Zuschauer sind (gewohnt) hässlich und auch das restliche Drumherum ist allenfalls solide. Verzeihlich, denn während des Rennens fällt das glücklicherweise nur ins Gewicht, wenn man wirklich gezielt draufschaut.

Spieltest Grid Legends

Grid Legends glänzt, wo es als Rennspiel glänzen muss: Auf der Strecke. Quelle: Spielpunkt

Und auch das Schadensmodell ist eigentlich keines. Zwar platzt hier und da bei einer Kollision mal etwas Lack ab und Einzelteile fliegen umher, oder man verliert einen Reifen oder die Luft schwindet langsam, so richtig kaputt geht meistens aber nichts. Vor allem nach einem Highspeed-Crash in die Bande mutet das merkwürdig an. Hier war Codemasters vermutlich nicht mutig genug, denn eigentlich müsste ein heftigen Crash auch in heftigen Konsequenzen enden, das passiert aber viel zu selten. Notwendige Neustarts gibt es dennoch ab und zu.

Die Soundkulisse bewegt sich hingegen auf hohem Niveau: Motoren dröhnen, röhren und rattern – das unterstützt das gute Feeling am Lenkrad.  Nicht ganz so toll ist der Soundtrack des Spiels: das dröhnt es zwar auch, allerdings vor allem im Kopf. Weder die Anzahl der Tracks noch die Auswahl ist wirklich überzeugend. 

Infobox

Spielerzahl: Singleplayer/Multiplayer)
Alter: ab 0 Jahren (USK)
Schwierigkeit: mittel
Langzeitmotivation: mittel
Genre: Rennspiel
Untergenre: Arcade-Rennspiel

Entwickler: Codemasters
Publisher: Electronic Arts
Offizielle Website: Link
Erscheinungsjahr: 2022
Plattformen (Testsystem): PC, Playstation 4, Playstation 5, Xbox One, Xbox Series X|S
Sprache:  deutsch
Kosten: ab 59.99 Euro

 

Fazit

Grid Legends muss sich mit der harten Konkurrenz messen, denn mit Gran Turismo 7 steht quasi die Veröffentlichung einer Genre-Legende kurz bevor. Das ist ein selbst gewähltes Schicksal: Im direkten Vergleich wird Codemasters vermutlich den Kürzeren ziehen. Bis es aber soweit ist, können Fans viele spaßige Runden auf den Strecken von Grid Legends drehen. 

Grid Legends ist das typische Massen-Rennspiel, das möglichst viele Zielgruppe ansprechen möchte. Das ist gut, aber auch schlecht – vieles funktioniert ordentlich bis gut, weniges ist allerdings hervorragend. Genre-Racer, die sich einem und nicht allen Themen aus der Rennwelt widmen, sind punktuell oft deutlich besser. Dennoch: Grid Legends ist ein stimmiges Gesamtpaket, bei dem man am Ende nichts vermisst. Die Action auf der Strecke ist grandios, die Rennen machen Spaß. Sogar die Story überzeugt, trotz kleinerer Schwächen. Nur aufgrund des Kampagnen-Modus würde man Grid Legends vermutlich nicht kaufen, dafür bietet das Experiment letztendlich zu wenig. Als Dreingabe zu einem ansonsten ohnehin umfangreichen Racing-Game nimmt man die Story aber gern mit. 

Wo Grid Legends richtig überzeugen kann, ist auf den Tracks dieser Welt: Mit dem Startsignal beginnt auch der Spaß. Die Rennen sind dynamisch, auch dank der Künstlichen Intelligenz samt Nemesis-Konzept. Das Fahrgefühl passt, lässt sich in Details auf Wunsch anpassen und vermittelt – trotz stellweiser Überempfindlichkeit – ein authentisches Rennerlebnis. Wer Wartezeit überbrücken muss oder Alternativen zu anderen schnörkellosen Rennspiele sucht, findet in Grid Legends eine qualitativ überzeugende Option. 


Autor

Letzte Aktualisierung am 5.10.2022 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API. * = Affiliate Links. Bilder von Amazon PA-API