Auferstanden von den Toten ist das Rollenspiel Kingdoms of Amalur, das mit dem Zusatz Re-Reckoning nun auch für Nintendo Switch erschienen ist. THQ Nordic wirft auch Nintendo-Jüngern damit das Remaster des Titels von Big Huge Games aus dem Jahr 2012 vor. Fast 20 Jahre nach dem Debüt feiert das Action-Rollenspiel ein Revival – und, soviel sei bereits verraten, das in einer durchaus guten Qualität. Ja, dem Spiel merkt man sein Alter an vielen Ecken an, vor allem auf der schwachbrüstigen Nintendo Switch ist das allerdings das geringste Problem, denn Kingdoms of Amalur: Re-Reckoning macht Spaß. Insbesondere wegen der gelungenen Story. 


Es war eine völlig neue Marke, die Big Huge Games und Publisher Electronic Arts vor fast zwanzig geschaffen haben. Der Mut sollte auch kommerziell durchaus belohnt werden, auch wenn dem Action-Rollenspiel der ganz große Durchbruch letztendlich nicht gelang. Ken Rolston und der populäre Fantasy-Autor R.A Salvatore hatten die Welt Amalur eigens für das Videospiel erschaffen, wenn auch auf Umwegen, denn eigentlich hätte man mit dem Amalur-Setting gern ein MMORPG gebastelt. Letztendlich hatte man dann doch ein Solo-Rollenspiel entwickelt. Immerhin: Von der Geschichte zehrt der Titel. Zu recht, denn die Story vor einem klassischen Fantasy-Setting ist gelungen, unterhaltsam, wenn auch entlang bewährte Story-Fetzen gestrickt. Oberfiesling Gadflow, Herrscher des Hofes des Winters, möchte mehr Macht als ihm zugestanden wird. Er schickt seine marodierenden Horden durch die Feienlande – eine Region der Welt Amalur. Die Bösewichte plündern, brandschatzen und morden. Auch den Spielercharakter hat es dahingerafft. Und so beginnt alles mit dem Tod.

Kingdoms of Amalur – Re-Reckoning: Monsterkloppe ohne Umwege

Von Gnomen als vermeintlich verstorben weggekarrt, steht der Held bzw. die Heldin von den Toten auf – und stürzt sich ins Abenteuer. Die Einführung gelingt, alles in verwoben mit der Hintergrundgeschichte, so auch die Charaktererstellung, bei der man sich den Recken durch moderate Anpassungsoptionen zusammenbastelt. Dass es sich bei Kingdoms of Amalur einst um ein AAA-Projekt handelte, würde man heute kaum mehr glauben. Die Optik hat Ecken und Kanten, ist nicht wunderschön, allerdings auch nicht unbedingt potthässlich. Vor allem auf der Nintendo Switch sieht Kingdoms of Amalur: Re-Reckoning atmosphärisch und einladend aus. Es blinkt und blitzt, mal ist es düster, mal hell, oft dominieren Bonbonfarben, nicht selten sorgen Lichtspiele für Stimmung. Kurzum: Es gibt viele deutlich schlechter aussehende Action-Rollenspiele. 

Die Spielwelt ist groß und abwechslungsreich, nicht aber unbedingt voller Freiheiten. Quelle: Spielpunkt
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Die Spielwelt ist groß und abwechslungsreich, nicht aber unbedingt voller Freiheiten. Quelle: Spielpunkt

Der große Vorteil liegt auf der Hand: Auf der Nintendo Switch läuft das Action-Rollenspiel flüssig. Das ist auch notwendig, denn im Gegensatz zu modernen Rollenspielen ist Kingdoms of Amalur: Re-Reckoning ein Biest auf Speed. Der Held rennt fix, auf Knopfdruck gibt es noch mehr Gas und stellt damit sogar Carl Lewis in seinen besten Jahren in den Schatten. Selbst in schwerer Eisenrüstung vollführt man schnelle Ausweichrollen und haut den Gegnerhorden Kombos um die Ohren als sei der ausgerüstete Zweihänder leicht wie eine Feder. Das Kampfsystem bei Re-Reckoning ist schnell, direkt und vielfältig. Man beharkt Gegner mit dem Bogen aus der Ferne, drängt dann in den Nahkampf und zaubert die Monster dann zu Tode. Das geht alles Hand in Hand, fast wie in einem Hack&Slay-Spiel. Hexer Geralt wirkt im Vergleich zum Amalur-Helden jedenfalls wie eine Schlaftablette.

Spaß macht das vor allem in Kombination mit den unterschiedlichen Ausrüstungs- und Skill-Möglichkeiten. Man wählt aus verschiedenen Waffengattung, so etwa Einhandschwert und Schild, Kampfhammer oder Bihänder, nutzt Dolche, um Gegner zu meucheln oder rüstet den Zauberstab aus, mit dem man Gegner dann unter anderem effektvoll in Brand setzt. Auch bei den Rüstungen und Accessoires kann man theoretisch frei wählen, Begrenzungen ergeben sich natürlich dennoch: durch die Boni auf den Klamotten und bestimmte Anforderungen, um die Ausrüstungsteile auch anziehen zu können. Dennoch lassen sich damit auch Misch-Klassen realisieren – mit allen Vor- und Nachteilen, die das so mit sich bringt. Also schnetzelt, brizzelt und prügelt sich durch die Oberwelten und Höhensysteme, hält hier und da Ausschau nach Schätzen, wagt Abstecher in Dungeons und folgt ansonsten der Hauptgeschichte sowie den zahlreichen Nebenaufgaben. Das ist motivierend und stellenweise fordernd. Letzteres liegt vor allem daran, dass man Kingdoms of Amalur: Re-Reckoning nicht als 1:1-Kopie umgesetzt hat, sondern dankenswerterweise insbesondere beim Level-System Hand angelegt hat. Die Gebiete skalieren mit der Charakterstufe, was heutzutage nicht mehr innovativ ist für ein Rollenspiel, sich allerdings bei Titeln die Kingdoms of Amalur: Re-Reckoning als wesentlich erweist. Weshalb? Ganz einfach: Die Flut an Nebenquests lässt den Charakter zügiger aufsteigen als die Gebiete es eigentlich hergeben würden. Folglich fällt der Schwierigkeitsgrad enorm ab, das ist dem Spielspaß nicht besonders zuträglich. Im Remaster ist man nun auf Augenhöhe mit den Gegnern, was prinzipiell also ein notwendiger Kniff gewesen ist, der den Spielspaß spürbar erhöht.

Immer feste druff. Die Heldenfigur kann vor allem eines: Verkloppen! Quelle: Spielpunkt
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Immer feste druff. Die Heldenfigur kann vor allem eines: Verkloppen! Quelle: Spielpunkt

Schattenseiten gibt es auch: Die über weite Strecken aufdringliche Schlauchartigkeit der Welt sowie der Dungeons. Als Spieler wird man geführt, darf manchmal entscheiden zwischen links und rechts, nur um am Ende doch im Kreis zu laufen. Egal, Loot regelt – am Ende winken für die Ausflüge nämlich Belohnungen. Ähnliches gilt für die Dialogoptionen in Gesprächen mit den NPCs. Da werden moralische Entscheidungen vorgegaukelt, die eigentlich schon entschieden sind, bevor man sie überhaupt ausgewählt hat. Auch egal, die Story geht weiter und unterhält trotzdem. Kingdoms of Amalur: Re-Reckoning spielen ist, wie ein gutes Fantasy-Buch lesen. 

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Länger als man ein Buch lesen kann

Rund 60 Stunden wird man mit dem actionreichen Rollenspiel beschäftigt sein, wenn man alle Inhalte mitnehmen will. Das lohnt sich durchaus, denn die Quests erzählen nette kleine Geschichten, sind überwiegend gut vertont und auch belohnend. Das liegt mitunter daran, dass man im Rahmen der Aufgabenerfüllungen immer wieder Schätze entdecken kann, aus denen sich tatsächlich nützliche Beute ergeben. Auch das ist nämlich neu beim Remaster: Statt den Spieler mit massenhaft unnützem Zeug zuzuschütten, sorgt ein überarbeiteten Loot-System dafür, dass man Beute orientiert an seiner Charakterstufe erhält. Zwar garantiert das nicht, dass die ausgegebene Item-Klasse dem eigenen Spielstil entspricht, die Chance ist jedoch deutlich höher als beim Original, bei dem man nach dem simplen Motto „Masse statt Klasse“ das Inventar der Spieler mit Schrott flutete.

Finish him: Gegner bekommen ordentlich auf die Mütze - dafür muss man dann aber auch Quick-time-Gedrücke absolvieren. Quelle: Spielpunkt
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Finish him: Gegner bekommen ordentlich auf die Mütze – dafür muss man dann aber auch Quick-time-Gedrücke absolvieren. Quelle: Spielpunkt

Dem Spiel tut das ausgesprochen gut. Die Neufassung ist besser als das gute, stellenweise auch nur solide, Original. Dennoch kommt auch bei Kingdoms of Amalur: Re-Reckoning immer wieder das Gefühl von damals hoch: Hätte man hier nicht etwas anders machen können? Hätte man nicht eine noch intensivere Geschichte ausarbeiten können? Hätte man Quests nicht abwechslungsreicher gestalten können? Ja, das Action-Rollenspiel ist nicht perfekt: Die Welt ist groß, aber begrenzt; das Kampfsystem spaßig, aber simpel, die Quests zahlreich, manchmal jedoch belanglos; die Wahlfreiheit bei den Fähigkeiten vorhanden, aber doch eingegrenzt. Das Rollenspiel hat seine Baustellen, aber es macht Spaß. Manchmal scheint es, als sei es gerade die neu entdeckte Simplizität, die das Wekr so gut macht. Kingdoms of Amalur: Re-Reckoning will nicht das ultimative Open-World-Spiel sein, es will nicht mit einem innovativen Kampf- und Magiesystem glänzen, es will nicht die klassische Fantasy-Story auf das nächste Level heben – auch das Remaster will ein grundsolides, ehrliches Klopp-Rollenspiel sein, bei dem man Gegner mit effektvollen Kombos vermöbelt, um dann zur nächsten Gruppe weiter zu ziehen. 

Durststrecken gibt es trotzdem. Manchmal spielt sich Kingdoms of Amalur: Re-Reckoning wie eine Art Solo-World of Warcraft zu Classic-Zeiten. Töte x-mal dies, sammle y-mal davon – das wiederholt sich, manchmal zu oft. Fein verzahnte Questreihen sollte man nicht erwarten, Re-Reckoning bietet Fantasy-Action mit der groben Kelle, grobschlächtiges Questdesign eben eingeschlossen. Macht das weniger Spaß? Nicht unbedingt, denn weil man nach einigen Stunden weiß, wo der Hase lang läuft, wird man von der eher soliden Ausgestaltung kaum mehr überrascht – und kann das Spiel in aller Seelenquell-Ruhe genießen.

 Infobox

Spielerzahl: 1
Alter: USK 18
Schwierigkeit: einfach bis mittel
Langzeitmotivation: mittel
Genre: Rollenspiel
Untergenre: Action-Rollenspiel

Publisher: THQ Nordic
Offizielle Website: Link
Erscheinungsjahr: 2021
Plattformen: Xbox One, Playstation 4, PC, Nintendo Switch
Sprache:  deutsche Sprachausgabe, deutsche Untertitel
Kosten: ab 39,99 Euro

Fazit

Ein wenig verrückt ist es ja mit Kingdoms of Amalur: Re-Reckoning. Das Original war ein kommerzieller Erfolg und dennoch eher unbekannt. Das liegt am Alter und dem letztendlich missglückten Versuch, aus Amalur eine Serien-Marke aufzubauen. Trotz guter Kritiker gelang dem Rollenspiel nie der ganz große Durchbruch – bis heute. Auch das Remaster bitet gehobene Rollenspielqualität ohne jedoch herausragend zu sein. Solide Kost, aber stets unterhaltsam – so könnte man den Eindruck zu Kingdoms of Amalur: Re-Reckoning am besten beschreiben. Das Action-Rollenspiel drängt sich nicht auf, man muss sich aktiv darauf einlassen. Das wird dann jedoch vor allem aufgrund der Anpassungen am Loot- und Level-System belohnt. 

Kingdoms of Amalur: Re-Reckoning ist das weitaus bessere – und trotz optischer Schwächen auch das hübschere Spiel. Ein schöner Filter sorgt dafür, dass Kingdoms of Amalur: Re-Reckoning auch auf der Nintendo Switch aussieht, als hätte man mit dem Weichzeichner nicht geizen wollen. Bunt leuchtend, teils absurd proportioniert und charmant ist die Darstellung, die optisch stets so wirkt, als würde man sich durch eine Unterwasserwelt bewegen. 

Die direkten Kämpfe entfalten eine Dynamik, die man sich für Assassin’s Creed Valhalla genau so wünschen würde: der Spieler rollt schnell umher, rennt und sprintet. Er prügelt los, zaubert und schießt Pfeile – und zwar alles ohne Umschweife. Die Gegner auf diese Weise zu verdreschen macht Laune, da gibt es – außer man findet an der Einfachheit nichts – keine Kritik. Also folgt man der unterhaltsamen Story, auf der ganz offensichtlich der Fokus liegt. Auf der Nintendo Switch macht das gleich doppelt Spaß, denn die Auswahl an klassischen Rollenspielen ist auf der Hybridkonsole arg begrenzt. Wer mit JRPGs nicht viel anfangen kann, muss länger suchen, um eine waschechtes Action-Rollenspiel zu finden. Mit Kingdoms of Amalur: Re-Reckoning gibt es nun einen neuen alten Genre-Vertreter, den Nintendo-Jünger nur allzu gern annehmen werden.

Fast wirkt es, als wäre Kingdoms of Amalur: Re-Reckoning wie gemacht für die Nintendo Switch – dabei ist das Spiel trotz Remaster-Qualität einfach nur alt. Dem Spielspaß tut das keinen Abbruch. Und es wirft tatsächlich auch die Frage danach auf, ob man angesichts der verbesserten Qualität nicht einen vollwertigen Nachfolger entwickeln sollte.


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Kingdoms of Amalur Re-Reckoning (Nintendo Switch)
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Kingdoms of Amalur Re-Reckoning (Nintendo Switch) * Aktuell keine Bewertungen 39,99 EUR

Letzte Aktualisierung am 15.04.2021 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API. * = Affiliate Links. Bilder von Amazon PA-API