Brettspiele erfreuen sich größter Beliebtheit. Trends werden gesetzt, die Absätze steigen, Verlage verzeichnen Gewinnsprünge – alle sind zufrieden. Wirklich alle? Es scheint, als bräche unter Brettspiel-Fans angesichts immer häufiger gesetzter Fristen beim Brettspielkauf die Panik ein. Entspanntes Shoppen ist längst keine Option mehr für Fans komplexer Titel, die nicht nur teuer, sondern auch in begrenzter Erstauflage verfügbar sind. Wer ein Exemplar ergattern will, muss schnell sein. Ein Spiel mit der Angst?

– ein Kommentar von André Volkmann


Man kann über alte Gesellschaftsspiele schimpfen so laut man will: Es war früher deutlich entspannter, Brettspiele zu spielen, vor allem aber zu kaufen. Die Unterschiede im Verhalten von Konsumenten sind deutlich sichtbar. Wo man damals fast einem Event gleich durch Regelgänge streifte, kauft man heute lieber im Internet. Auch das ist stressfrei – wenn auch nicht unbedingt zuträglich für kleine lokale Geschäfte. Nun sorgen immer häufiger knappe Fristen und kleine Erstauflagen dafür, dass Spieler für eine reifliche Abwägung von Kaufargumenten kaum Zeit haben.

Kickstarter-Dienstag läutet Panik-Phase ein

Immer dienstags überschlagen sich die Ereignisse in den Sozialen Medien oder Internetforum. Dann nämlich starten meist unzählige Crowdfunding-Kampagnen – und der Countdown läuft. Meist 30 Tage, manchmal länger, nicht selten auch kürzer, haben Spieler ab dann Zeit, sich für den gegen einen Kauf zu entscheiden. Dahinter steckt System: Wer seine Chance verpasst, guckt in die Röhre. Knapp ein Jahr dauert es, bis die via Crowdfunding finanzierten Brettspiele marktreif sind und an die “Backer” aufgeliefert werden. Diesen späten Start: Will man als Spieler sicher nicht verpassen, oder?

Auch auf einer zweiten Ebene setzen Verlage und Autoren an mit der Panikmache: beim Preis. Wer den hochpreisigen Kickstarter jetzt unterstützt, muss zwar tief in die Tasche greifen, zahlt aber weniger als jene Fans, die später kaufen, etwa wenn es ein Brettspiel nach dem Crowdfunding in den Handel schafft. Fette Rabatte: Will man als Spieler sicher nicht verpassen, oder?

Und dann sind da noch Influencer, die über neue Brett- und Kartenspiele nicht nur informieren, sondern jeden Kickstarter – meist unabhängig von einer tatsächlichen Qualität – in den Himmel loben, bejubeln – und das meist auch egoistischen Gründen. Entweder gibt es direkt “Cash” für das Werbevideo oder man gewährt den Content-Machern Zugriff auf einen Pledge, und den bekommen die Ersteller natürlich nur, wenn das Projekt auch erfolgreich durch die Finanzierung kommt. Kritik unerwünscht, so scheint es, man würde sich ja das eigene Geschäft vermiesen. Das Ergebnis: An jedem Dienstag sind es neue “beste Spiele des Jahres”, für die Gelder gesammelt werden. Jeder davon “einzigartig”, “innovativ”, “großartig” oder gar ein “must have”. Beste Spiele: Will man als Spieler sicher nicht verpassen, oder?

Everdell lief auf Kickstarter und wurde als deutschsprachige Version in den Handel gebracht. Foto: Volkmann

Everdell lief auf Kickstarter und wurde als deutschsprachige Version in den Handel gebracht. Foto: Volkmann

Die Angstspirale dreht sich immer schneller, je näher die Crowdfunding-Kampagne sich ihrem Enddatum nähert. 25 Tage, 15 Tage, neue Stretch-Goals, 10 Tage, überraschend neue Erweiterung, 5 Tage, das Ende naht, Panik! In den letzten 24 Stunden wird noch einmal kräftig die Werbetrommel gerührt. Wenig Zeit verbleibt, dann war es das mit der Chance auf ein vermeintlich grandioses Spiel. Die Macher nutzen aus, was Spieler vielfach antreibt: Die Angst davor, etwas zu verpassen.

Gepaart mit dem Reiz des Neuen ist das gefährlich. Nicht selten offenbaren Fans, wie viel sie monatlich, quartalsweise oder jährlich für Brettspiele ausgeben. Ihnen sei es gegönnt. Wenn man aber nicht mehr aus freien Stücken über Käufe oder Investitionen entscheiden kann, weil man sich gedrängt fühlt, Geld auszugeben für etwas, bei dem man nicht weiß, ob es sich am Ende auch lohnt, dann ist das ein Geschäftsmodell, das nicht zum Standard werden darf.

Die Macher wissen wie es geht: Exklusive Goodies, optisch eindrucksvolles Material und Werbung mit der groben Kelle – das funktioniert, spült Kohle in die Kassen. Und sobald ein Projekt finanziert ist, schiebt man einen Ausblick in die Zukunft nach. Wir haben da etwas für euch, locken Verlage und Autoren. Schon im nächsten Monat kündigen wir unser neues Projekt an – für 30 Tage, dann ist wieder Schluss. Kaufen oder nicht? Das wird dann erneut zur zentralen Frage. Und weil immer häufiger nur über Neuheiten diskutiert wird, nicht über das Spielen; “Regalschauen” vorgaukeln, man sein, was man habe, und der brettspiele-Markt immer größer und trendiger wird, will man nicht verzichten – vielleicht auch aus Angst, von der Community nicht als vollwertiges Mitglied anerkannt zu werden?

Perlen gibt es: Nicht jedes Brettspiel, das via Crowdfunding finanziert wird, baut auf ein aufgewärmtes Konzept. Foto: André Volkmann

Perlen gibt es: Nicht jedes Brettspiel, das via Crowdfunding finanziert wird, baut auf ein aufgewärmtes Konzept. Foto: André Volkmann

Und wenn das Verkünden von Innovation, Neuheit und Kreativität nicht ausreicht, um Spielern in die Geldbörsen greifen zu können, dann bedient man sich, genau: der Nostalgie. Mit dem Remake von HeroQuest hatte Hasbro jüngst vorgemacht, wie man alle Zutaten nutzen kann, um möglichst schnell, möglichst viel Geld zu generieren. Ein Unternehmen wie Hasbro hätte HeroQuest einfach neu auflegen, produzieren und verkaufen können.  Stattdessen hat man zunächst auf das Spiel mit der Angst gesetzt: Den Dungeon Crawler gibt es nur, wenn wir zunächst via Crowdfunding mindestens einen Millionenbetrag sammeln konnten. Das hochpreisige Brettspiel, für dessen Deluxe-Version eine Investition von 150 US-Dollar notwendig war – “verkaufte” sich wie geschnitten Brot. Auf die Gegenleistung müssen Fans natürlich noch warten. Allzu viel Neues gibt es bei HeroQuest nicht mal: Es ist im Großen und ganzen das Spiel von damals, hier und da ein wenig aufpoliert, damit der Rubel auch wirklich rollen kann.

Bei modernen Brettspiel scheint Langeweile inzwischen zum Konzept gehören. Statt sich auf ein wirklich spannendes Thema zu fokussieren, gehen Verlage und Autoren nicht selten den leichteren Weg: Sie bedienen sich einer Standard-Mechanik und stülpen ein optisch eindrucksvolles Setting über – fertig ist das neue Miniaturen-Brettspiel, das man für mindestens 90 Euro anbieten kann. Braucht es nicht viel mehr, um Spieler zu begeistern? Wiederspielbarkeit scheint kaum mehr wichtig, immerhin lauert an der nächsten Ecke schon die nächste Neuheit. Warum ein Brettspiel von 2018 auspacken, wenn man sich jetzt schon auf eines aus 2022 freuen kann?

Die Branche befindet sich im Wandel, weil sich die Spielerschaft in einem Wandel befindet. Und gegen all das Melken wäre nichts einzuwenden, wenn alle Brettspiele, die auf den Markt kommen, es auch wert wären, gespielt zu werden.