Die Postapokalypse ruft, also stürzt man sich hinein: Endzone – A World Apart von den Gently Mad Studios und Assemble Entertainment bringt Survival-Aufbau-Strategie „made in germany“ auf die Bildschirme. Das gelingt in sehr guter Qualität. Der strategische Titel hat viele Stärken, allerdings auch ein paar Schwächen. Ein perfektes Werk abliefern konnten die Entwickler auch gar nicht – Survival kennt keinen Perfektionsimus. Testen sollte man das im wahrsten Sinne des Wortes ausgezeichnete Videospiel allerdings. man könnte sonst eine echte Perle verpassen. 


Wer an postapokalyptische Aufbauspiele denkt, der hat vermutlich zuerst die USA vor Augen. Daher kommen gute Games, kein anderes Land auf der Welt lässt sich zudem so anmutig im Rahmen eines Endzeitszenarios zerstören wie die Vereinigten Staaten von Amerika. Dennoch: Schaut man sich in der Branche um und sucht nach den derzeit besten Ablegern aus dem Genre der Aufbau-Strategiespiele, so fällt der Blick auf Deutschland. Genauer: auf Wiesbaden.

In der hessischen Landeshauptstadt gibt es keine nukleare Katastrophe, nicht einmal die durchschnittlichen Radioaktivitätswerte sind erhöht – allerdings sitzt dort mit Assemble Entertainment ein Publisher, der das Genre mit dem Werk Endzone – A World Apart qualitativ wiederbelebt hat. Fairerweise muss man anfügen, dass die eigentlichen Verantwortlichen für das strategische Spiel die Gently Mad Studios, ein von Assemble im Jahr 2017 gegründetes Tochterunternehmen, sind. Rund ein Dutzend Entwickler haben das Aufbauspiel Endzone – A World Apart letztendlich umgesetzt – mit Erfolg auf mehreren Ebenen.

Ausgezeichneter Genre-Vertreter

Zuletzt hatte Assemble Entertainment unter anderem mit soliden bis gelungenen Neuauflagen von Spielen aus der Larry-Reihe auf sich aufmerksam gemacht: Leisure Suit Larry – Wet Dreams Don’t Dry sowie Leisure Suit Larry – Wet Dreams Dry Twice waren zwei Achtungserfolge, nicht vorrangig wegen der inhaltlichen Qualität, sondern wegen der Gesamtkonzeption. Mit dem postapokalyptischen Survival-Aufbauspiel Endzone- A World Apart hat der hessische Publisher allerdings ein Werk in sein Portfolio aufnehmen können, das beispielhaft dafür steht, welche Qualitäten Videospiele aus Deutschland erreichen können. Prämiert hatte man das Engagement mit dem Deutschen Entwicklerpreis in der Kategorie „Bestes Indie Game“. 

Die Arbeit, die die Entwickler in ihr Werk gesteckt haben, hat sich gelohnt – auch finanziell. Darauf lassen zumindest die Verkaufszahlen schließen: Rund eine Viertelmillion Absätze meldete der Publisher mit Austritt aus der Early-Access-Phase Ende März. Seitdem ist das strategische Aufbauspiel als Vollpreistitel über die Plattformen Steam und GOG erhältlich. Für Assemble Entertainment ist das der bislang erfolgreichste Release gewesen. Den Grundstein dafür hatte man hauptsächlich im Vorjahr gelegt, als das Spiel im April in die kostenpflichtige Early-Access-Phase eintrat und der Titel so schrittweise einer breiteren Masse zugänglich wurde. Assemble und Gently Mad bedienten sich dabei den modernen Möglichkeiten der Spielefinanzierung. Und so sammelte das Spiel bereits in der Frühphase gute Zwischenwertungen. 

Der Wiedereinstieg in Kernenergie wird diskutiert - die Siedler des Endzone-Dorfes sollte man besser nicht nach ihren Meinungen dazu fragen. Bildrechte: Assemble

Der Wiedereinstieg in Kernenergie wird diskutiert – die Siedler des Endzone-Dorfes sollte man besser nicht nach ihren Meinungen dazu fragen. Bildrechte: Assemble

Auch jetzt, nach offiziellem Release, unterliegen einige Elemente des Spiels einem Wandel: Die Entwickler bessern mit Patches nach und liefern in den Updates neue Inhalte, so etwa Gebäude oder Upgrades. Inzwischen wurde auch am Forschungssystem geschraubt, das nun einen deutlich besseren Eindruck macht. 

Geheimtipp Endzone? Mehr als das!

Grundsätzlich gilt als Faustregel für Endzone A World Apart: Wer Shining Rock Software Aufbauspiel Banished mag, der wird auch mit Gently Mads Survival-Spiel seinen Spaß haben. Alle anderen sollten ausprobieren, denn wie oft bei derartigen Genre-Vertretern kommt der Zeitpunkt im Spiel, bei dem man an den entscheidenden Punkt gelangt und sich die Frage stellen muss: Ist das jetzt noch unterhaltsam oder habe ich alles gesehen? Bei Fans von Survival-Spielen ist die Chance jedenfalls hoch, dass Endzone gut ankommt. 

Die Story ist es übrigens nicht, die den Aufbautitel so spielenswert macht. Sie ist schnell erzählt: Terroristen. Nuklearkatastrophe. Menschheit kämpft ums Überleben in einer feindlichen Umgebung. So oder ähnlich kennt man das aus Film und Fernsehen sowie aus anderen Videospielen. Selten allerdings schafft es das Thema so sehr zu fesseln wie bei Endzone – A World Apart. Das liegt vor allem an den fein verzahnten Mechanismen, auf denen das Gesamtkonzept des Spiels aufbaut- auch wenn die Spielhandlungen an sich hinlänglich bekannt sind: Ressourcen sammeln, normale und besondere Gebäude errichten, Siedlern Aufgaben übertragen. Damit aber nicht genug: Die Idee und damit der Komplexitätsgrad reichen weiter. So üben Siedler Berufe aus oder gehen zur Schule oder auf Erkundungstour durch das radioaktiv verseuchte Umland. Damit man seinen Schäfchen als omnipräsenter Dorfvorsteher auch folgen kann, haben die Entwickler dem Ganzen eine frei dreh- und zoombare Kameraführung spendiert, bei der man die 3D-Welt bis hin zum kleinsten Atom erforschen kann. 

Eure Siedler machen keinen Fortschritt bezüglich ihres Standes: Sie bleiben stets Überlebende am Rande des Todes. Bildrechte: Assemble

Eure Siedler machen keinen Fortschritt bezüglich ihres Standes: Sie bleiben stets Überlebende am Rande des Todes. Bildrechte: Assemble

Den Überblick zu behalten ist nicht bloß Makulatur bei Endzone – A World Apart, sondern ein wesentlicher Bestandteil des Spiels und daher dringend geboten. Unterschiedliche Bodenbereiche haben nämlich unterschiedliche Eigenschaften, sind also besonders feucht – oder manchmal auch besonders verstrahlt. Um das System noch etwas aufzupeppen, bringen die Entwickler zusätzliche Wettereffekte ins Spiel. Man muss Phase der Dürre überstehen, Stürmen standhalten oder der Radioaktivität von oben widerstehen, die bei starken Regenfällen ganze Ernten vernichten kann. Entspannend siedeln bis Survival-Camp aus allen Nähten platzt, ist nicht die Idee hinter diesem Survival-Spiel, bei dem Überleben zwar alles ist, man aber längst nicht alles überlebt.

Frust und Freude liegen nah beieinander. Ein reines Expertenspiel ist Endzone dabei allerdings nicht. Der Einstieg ist motivierend, gelingt auch Genre-Unkundigen. Gleichzeitig ist das Spiel streckenweise ein harter Brocken mit nicht ganz einfach zu überwindenden Situationen. Und ein Zeitfresser ist es sowieso – ob für Anfänger oder Profis. Nicht zuletzt liegt das an der enormen Suchtspirale, die sich nach der Eingewöhnungszeit entfaltet. Hier noch etwas bauen, dort noch auf die Auswirkungen warten, es gibt immer Arbeit und Action im mit Aufgaben vollgestopften Alltag der pixeligen Überlebenskünstler.

Spannung kommt vorrangig durch zwei Faktoren auf: Die stets knappen Ressourcen – Material und Arbeitskraft – sowie die ständige Bedrohung durch die erneute Apokalypse nach der überstandenen Atom-Apokalypse, auch Game over genannt. Der Bildschirmtod kommt bei Endzone – A World Apart schleichend, das sorgt für zusätzliche Spannung und Anspannung. Statt wie bei anderen Games jubeln in einen Abgrund zu springen oder von einem Bossmonster aus den Latschen geprügelt zu werden, wird man mit einem drohenden Ende bei Endzone früh konfrontiert. Das gilt es gegenzusteuern oder dem Unvermeidlichen ins Auge zu blicken.

Story? Völlig überflüssiges Detail!

Selten zuvor wurde der Endzeit-Survival-Alltag so stimmig und gleichzeitig stimmungsvoll inszeniert. Endzone brilliert im Genre, obwohl man auf narrative Kernelemente fast vollständig verzichtet.  Hübsche Zwischensequenzen? Fehlanzeige. Eine tiefgründige Story? Gibt es nicht. Vielschichtige Charaktere, die man als Spieler liebgewinnen kann? Unfug. Es geht einfach nur ums Überleben. Vielleicht ist allerdings genau das die große Stärke des Spiels. Schnörkel haben die Entwickler allenfalls in Form einer Mini-Kampagne eingebaut, deren Szenarien man lose durch spielen kann. Das soll nun übrigens nicht so klingen, als siedele man völlig plan- und ziellos auf den – zugegeben immer etwa zu ähnlich aussehenden – Karten. Immer wieder kann man kleinere Aufträge erfüllen. Dennoch geht es niemals bloß um Expansion oder Schönbauerei, sondern darum, den Siedlern das zu bieten, was sie zum Überleben situationsbedingt am dringendsten benötigen. Und weil sich das immer wieder ändern kann, bleibt der Spieler (heraus)gefordert. Fallstricke gibt es jedenfalls genug auf dem Weg hin zu – ja, wohin eigentlich? 

Blöd, wenn der Sandsturm sich ausgerechnet die Spielerstadt als Ziel für einen Überflug ausgesucht hat. Bildrechte: Assemble

Blöd, wenn der Sandsturm sich ausgerechnet die Spielerstadt als Ziel für einen Überflug ausgesucht hat. Bildrechte: Assemble

An dieser Stelle offenbart sich das Dilemma derartiger Survival-Aufbausimulationen: Zwar ist das Überleben der Menschheit ein edles Ziel, das man gern verfolgt. Das nutzt sich allerdings irgendwann ab. Wie stark hängt vom Spielertypus ab. Einige lieben Survival-Games und saugen das Spielgeschehen förmlich auf, andere müssen zwischendurch motiviert werden: Durch Loot, Progress, die Story oder andere Faktoren. Letztere Spielertypen haben es deutlich schwerer bei Endzone – A World Apart am Ball zu bleiben. Zumal das nicht enden wollende Ausbalancieren zwischen Hungersnot und Völlerei sowie Durst und Trinkgelage – Nahrung und Wasser sind die beiden zentralen Ressourcen – sich irgendwann zäh anfühlt. Zäh bedeutet allerdings nicht gleichzeitig langweilig. 

Auch wenn moderne Strategiespiele mit einem Simulationsanteil längst nicht mehr die „Tabellen-Reitereien“ sind, die sie früher mal waren, so spielt sich doch ein große Teil des Spielgeschehens in den verschiedenen Menüs ab. Man muss Sammler und Erkunder, aber eben auch Manager sein – anders wird man die Endzeit nicht überleben können. Also dreht man an Schrauben, manchmal den kleinen, manchmal nur den großen, besser immer wieder nach. Vor allem reagiert man allerdings bei Endzone, weil das Spiel hier eine seiner größten Stärken präsentiert: das dynamische Wetter- bzw. Umweltsystem. Statt sich wie bei anderen Aufbauspielen stets auf das große Ganze konzentrieren zu können, agiert man bei Endzone auf der Mikroebene, schafft sich eigene Ziele, gleicht gemachte Fehler aus und lernt aus dem Scheitern. Das Spiel motiviert zu neuen Partien, nachdem man die Zivilisation in den Bildschirmtod geritten hat. Weil man ja weiß: Eigentlich kann man es doch besser.

Infobox

Spielerzahl: Singleplayer
Alter: –
Schwierigkeit: mittel bis schwierig
Langzeitmotivation: mittel
Genre: Strategie
Untergenre: Aufbau, Survival

Entwickler: Gently Mad Studios
Offizielle Website: Link
Erscheinungsjahr: Early-Access 2020 / Release 2021
Plattformen: PC (Steam / GOG)
Sprache:  deutsch
Kosten: ab 29,99 Euro 

 

Fazit

Wer jetzt Angst vor Endzone – A World Apart hat, Komplexität en masse und Scheitern am laufenden Band erwarten, dem sei Entwarnung gegeben: Ja, das strategische Survival-Aufbauspiel ist komplex. Aber nein, es ist nicht unmöglich, seine Siedlung am Leben zu halten. Bereit sein, aus seinen Fehlern zu lernen, muss man allerdings. Das wird vorausgesetzt. Dann aber entspinnt sich ein hervorragend, wenn auch nicht perfekt, ineinander verzahnter Spielablauf, der mit Herausforderungen auf der Detailebene glänzt. Hier und da offenbaren sich Schwächen bei der B-Bote, beispielsweise bezüglich des Systems der Elektrizität. Und trotz zoom- und drehbarer Kamera fällt es manchmal schwer, den Überblick zu behalten.

Die Warenkreisläufe sind überschaubar im Vergleich zu Aufbauspielen wie den Ablegern der Anno-Reihe. Viel mehr geht es darum, zur richtigen Zeit, die richtigen Dinge zu tun. Zeit ist nämlich ein wesentliches Element in diesem Spiel. Nicht, weil die Zeit stets heruntertickt, sondern weil alles seine Zeit benötigt bei Endzone – A World Apart. Forschen dauert, zeitlich und wegen der notwendigen Wissenspunkte und weil man auch noch Erkundungsausflüge wagen muss, um alle benötigten Ressourcen ergattern zu können. Das ist manchmal etwa „too much“ im Überlebensalltag, der auch ohne künstliche Hürden schwer genug zu meistern ist. Spaß macht es trotzdem und zwar eigentlich immer. Stets wird optimiert und angepasst, Stunde um Stunde.

Was besonders positiv auffällt, ist die spürbar ansteigende Lernkurve. Der Einstieg ist seicht, Anfänger finden gut ins Spiels. All die Dynamiken tragen dann schrittweise dazu bei, dass der Schwierigkeitsgrad stetig ansteigt. Das Resultat davon? Man muss erneut Stunde um Stunde in das Spiel investieren. 

Endzone – A World Apart frisst Spielminuten wie das Krümelmonster Kekse. Wirklich belohnt wird man dafür im Grunde nicht, außer man betrachtet das Entkommen vor dem Ende als übergeordneten Erfolg, der gar nicht mehr gesondert belohnt werden muss. Wie Endzone endet? Gar nicht. Täglich grüßt das radioaktiv versuchte Murmeltier. Solange, bis man es geschafft hat, sich von Hunger, Durst oder Strahlung auslöschen zu lassen. Aber in jedem Ende schlummert bekannt ein neuer Anfang.


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