Mit Mission ISS ist ein Brettspiel von Michael Luu im Verlag Schmidt Spiele erschienen, bei dem bis zu vier Astronauten gemeinsam an der Internationalen Raumstation ISS basteln dürfen. Das Werk ist dabei in enger Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt entstanden – für ein stimmiges Setting sollte das sorgen. Und tatsächlich erweist sich die Frühjahrs-Neuheit Mission ISS als durchaus knifflige Denkaufgabe, bei der geplantes und koordiniertes Vorgehen belohnt wird. 


Startet man mit der vollbesetzten Crew von vier Astronauten, so kostet der Trip ins All umgerechnet rund acht Euro pro Kopf. Günstiger wird man zukünftig wohl kaum zur International Space-Station kommen können. Einsam dreht die ISS ihre Runden in der Erdumlaufbahn – es ist die derzeit einzige existierende Raumstation. Im Jahr 1998 hatte man das erste Bauteil in den Weltraum geschossen, viele weitere folgten. Und seit Einläuten des Millenniums ist die Space-Station auch dauerhaft bemannt. An dieser Stelle setzt der Spieleautor Michael Luu (vormals Rob’n Run, erschienen im PD Verlag) mit seiner Idee für ein kooperatives Brettspiel an.

Überraschend: Obwohl die ISS eines der wenigen modernen Wunder der Menschheitsgeschichte ist, ist das Thema vergleichsweise unverbraucht. Allein das ist Grund genug, sich auf das strategische, aber familiengerechte, wenn auch nicht immer einfache Weltraum-Abenteuer einzulassen. 

Mission ISS: Völlig losgelöst

Mission ISS ist eine der Neuheiten des noch jungen Spielejahres 2021. Der Berliner Traditionsverlag Schmidt veröffentlicht damit einen Einzeltitel, der Spieler nicht nur in die Rollen von Space-Kommandanten schlüpfen lässt. sondern auch die Geschichte der Internationalen Raumstation erzählt, die ihrem Ende näher ist als dem Anfang.

Mission ISS lässt sich im Solomodus spielen, besser jedoch in einer kooperativen Runde, deren Maximum bei vier Spielern liegt. Der Grund ist bei einem derart komplexen Vorhaben wie dem Bau einer Raumstation fast offensichtlich: es ist fordernd – mehr Gehirne bringen mehr gute Ideen hervor. Also lassen sich bestenfalls drei oder vier Astronauten ins All schleudern, um die ISS dort modulweise zu erweitern. Man startet zumindest nicht gänzlich mit Nichts, sondern darf an das erste ISS-Modul anbauen. Zunächst geht es zurück in der Zeit, nämlich ins Jahr 1998. Damals war die Welt noch weitestgehend in Ordnung, auch wenn Modern Talking im Startjahr der ISS ihr Comeback feierten und die Lewinsky-Affäre ausgerechnet für jenen US-Präsidenten zum Stolperstein wurde, der sich vormals für ein neues Space-Station-Projekt stark gemacht hatte. 

Keine Szene aus "Blair Witch Project in Space", sonder einfach nur eine Spielkarte einer fröhlichen Astronautin. Foto: Volkmann

Keine Szene aus „Blair Witch Project in Space“, sondern einfach nur eine Spielkarte einer fröhlichen Astronautin. Foto: Volkmann

Im Gegensatz zu anderen rein kooperativen Brettspielen schlüpft man bei Mission ISS nicht pro Spieler in die Rolle eines Charakters, sondern kümmert sich – quasi als übergeordnete Kommando-Instanz – um das gesamte Team. Dennoch sind die Spiele reihum am Zug, müssen also jeweils selbst die Entscheidungen über die Astro-Crew treffen – allerdings jeweils in Absprache mit den anderen ISS-Experten. Das ist zumindest einer der reizvollen Faktoren dieses strategischen Koop-Brettspiels. Zu Beginn drei, später sechs Astronauten schweben dabei durch das schwarze Vakuum. Jeder ist ausgestattet mit drei Fähigkeiten. Und so kann man rundenweise die Figuren bewegen, etwa erforschen oder bauen lassen. Etwa Progress gibt es auch, dargestellt durch Punkte-Tokens in den Sockeln der Figuren. Die sehen auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig aus, denn es handelt sich um 3D-Stecksätze. Spielerisch fügt sich das allerdings gut ein und es ist zudem funktional.

Kommando-Karten geben die Richtung vor 

Völlig wahllos geht man als Kommandant übrigens nicht ans Werk: Karten steuern die Aktionsauswahl. Diese werden aufgeteilt, offen ausgelegt und dann ausgewählt und aktiviert – jeweils eine eigene Karte und eine eines anderen Spielers. Man ist also abhängig von der Auslage, weil Karten kurzfristig geblockt sind, kann man nicht immer aus dem Vollen schöpfen, muss also abwägen, was zu welchem Zeitpunkt als Aktion sinnvoll ist. Das klingt simpel, und ist es im Grunde auch, entfaltet aber durchaus einen spielerischen Reiz, weil das Setup auf dem Tisch sich ständig verändert. Die Rotation ist zwar nicht dramatisch, aber stets spürbar. Ein gelungener Kniff, der spaßig ist und nachvollziehbar. 

Beim Aufbau gilt: Erstmals alles zusammenstecken - irgendwann sind alle Astronauten einsatzbereit. Foto: Volkmann

Beim Aufbau gilt: Erstmals alles zusammenstecken – irgendwann sind alle Astronauten einsatzbereit. Foto: Volkmann

Ansonsten wabert die Astro-Crew im Verlauf der Partie zu den Modulen, werkelt daran herum. Vor allem wird jedoch geforscht. Das Luft- und Raumfahrt-Thema bringt Michael Luu damit hervorragend aufs Brett, denn auch bei „echten Astronauten“ nimmt die Forschung einen Großteil ihres Arbeitsauftrags ein. Hat man alle Würfelaugen „weggeforscht“, erhält man als Belohnung einen Bonus. Der ist meist hilfreich, aber nicht das eigentliche Ziel – das besteht nämlich darin, die roten Würfel möglichst zu eliminieren. Gebaut werden darf nicht, wenn der signalfarbene Zufallsgenerator in der Raumstation liegt. Und das ist dann genau das Gegenteil des eigentlichen Spielziels: dem Ausbau der ISS.

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An dieser Stelle kommt ein zusätzlicher Kniff ins Spiel, nämlich der individuelle Bau-Skill der Astronauten. Weil die Module unterschiedlich schwierig anzuheften sind, kann das nur ein Profi erledigen, manchmal müssen mehrere Crewmitglieder gleichzeitig ran. Kleine Hilfs-Robos gewähren kleine Boni, das mildert die Schwierigkeit manchmal ab. Hat man erfolgreich angebaut, kommt ein neuer blauer Würfel auf den Tisch und damit rückt die Forschung wieder in den Mittelpunkt. So schließt sich der Kreis. 

Die 3D-Grusel-Crew mit ihren Axt-Armen hätte auch Wes Craven nicht besser hinbekommen können - funktional sind die Figuren allerdings. Foto: Volkmann

Die 3D-Grusel-Crew mit ihren Axt-Armen hätte auch Wes Craven nicht besser hinbekommen können – funktional sind die Figuren allerdings. Foto: Volkmann

Spannung kommt durch zufällige Ereignisse auf. Die sind meist mit unerwünschten Effekten verbunden und erhöhen die Schwierigkeit beim Modul-Bau. Ohnehin sind alle Spielhandlungen und Mini-Regeln gut und thematisch sinnvoll miteinander verwoben. Ob man das von diesem Brettspiel im Vorfeld erwartet hat? Wir zumindest nicht. Die Überraschung fiel daher positiv aus. Was aufgrund der Beschreibung zunächst klingt wie ein seichtes Familienspiel, bei dem man fröhlich seine Raumstation zusammenzimmert, entpuppt sich mit fortschreitenden Verlauf als echte Kopfnuss.

Auch wenn man meinen könnte, die Aufgaben würden mit steigender Erfahrung der Astronauten leichter, sie werden es nicht. Man muss immer planen, denn eine Partie läuft nicht unendlich lange: die Spielrunden sind begrenzt, angezeigt durch einen Zeitstrahl, dessen Marken wandert wann immer man ein Schichtende einläuten muss. Dann wird zwar aufgefrischt, aber man rückt dem Finale auch automatisch näher. Der Spielablauf von Mission ISS ist dadurch nicht stressig, es ist kein Sanduhr-Spiel, aber dennoch sitzt der Crew die Zeit im Nacken. Die Tatsache, dass Zwischenprüfungen die Partie sofort beenden können, führt nicht unbedingt zu mehr Entspannung. hat man nämlich weniger als eine geforderte Menge an Modulen gebaut, wars das mit der Mission. 

Die ISS ist ein Biest auf dem Spieltisch: Die Idee des etwas anderen Spielplans ist aber ziemlich gelungen. Foto: Volkmann

Die ISS ist ein Biest auf dem Spieltisch: Die Idee des etwas anderen Spielplans ist aber ziemlich gelungen. Foto: Volkmann

Gewinnen kann man allerdings auch: nach dem Bau von zwölf Modulen, zeitlich hingegen im Jahr 2011. Dann darf man quasi die Zeitreise in die Gegenwart antreten und das Space-Abenteuer ist beendet. Die Aussichten für die ISS sind aus heutiger Sicht nicht mehr ganz so rosig: Auch wenn dieses einzigartige Konstrukt für die Ewigkeit gebaut zu sein scheint, rechnet man mit einem rein technischen Betrieb bis maximal etwa 2030. 

Infobox

Spielerzahl: 1 bis 4
Alter: ab 12 Jahren
Schwierigkeit: mittel
Langzeitmotivation: mittel
Genre: Familienspiele
Untergenre: Kooperative Brettspiele

Autor: Michael Luu
Offizielle Website: Link
Erscheinungsjahr: 2021
Sprache:  deutsch
Kosten: 32,99 Euro

 

Fazit

Das Brettspiel Mission ISS hat erstmal den Charme des hässlichen Entleins, optisch will das Space-Drama nicht gänzlich zünden, immerhin ist alles aber übersichtlich und funktional. Recht gelungen sind sogar die Illustrationen auf den Karten. Aber das ist alles natürlich Geschmackssache: Wer ein Brettspiel mit steckbaren 3D-Figürchen mag, wird Mission ISS aus dem Hause Schmidt Spiele als Augenweide abfeiern. 

Entscheidend is‘ allerdings aufm Platz und genau da überzeugt der Titel mit seinem überraschend fordernden Ablauf. Die Mechaniken und Regelkniffe greifen ineinander und weil das so gut funktioniert, muss man als Team stets zusammenarbeiten. Einfach ist das nicht, mitunter sogar ziemlich knifflig. Von Beginn an müssen alle Spieler konzentriert bei der Sache sein und vorausplanen. Hier zeigt sich: mit steigender Spielerfahrung sinkt der Schwierigkeitsgrad, was gut ist, denn Mission ISS kann sich als harte Nuss entpuppen. Leidlich erfahren das vor allem „Bauchspieler“, die ihren Gefühlen folgen und Züge eher antizipieren – erfolgreich ist das nur selten. Wer zu flüssig durch kommt, kann den Schwierigkeitsgrad auch anpassen und weniger „gute Ereignisse“ zulassen.

Der Spielablauf unterscheidet sich von Partie zu Partie, manchmal mehr, manchmal weniger. Das motiviert und animiert zum Herumprobieren. Genauer: zum geplanten Herumprobieren. 

Absolut im Fokus steht die Forschung, daran lässt der Ablauf von Mission ISS keine Zweifel: Stets schwebt der Baustopp wie ein Damoklesschwert über der Raumstation und darüber wiederum schwebt das noch schärfere Damoklesschwert 2.0 in Form der Zwischenwertungen auf dem Zeitstrahl.

Mission ISS zeigt eindrucksvoll drei Dinge: Optik ist nicht alles bei einem Brettspiel, heftige Team-Knobeleien können Spaß machen. Und: Mit dem Traumjob Astronaut ist es eine ziemlich komplizierte Angelegenheit. 

Und abseits des Spielerischen kann dieses Werk mit seinem Informationsgehalt punkten: In den Anleitung gibt es nämlich viele spannende Anekdoten über die ISS, die Module und das Projekt. Etwas mehr an Hintergründen würde man sich bei vielen Brettspielen wünschen – hier hat man alles richtig gemacht. 


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