War 2021 ein guter Jahrgang für Brettspiele? Darüber lässt sich zum Jahresende fürstlich streiten. Es gab Highlights, aber auch Reinfälle, schöne Momente, aber auch die Pandemie. Ein Rückblick. 

Mit 2021 endet ein Jahr, das man aus der Geschichte streichen könnte: Selten zuvor waren zwölf Monate so belanglos wie in in diesem nun endenden Jahr. 2021 war wie 2020 – das lag vor allem an der Corona-Pandemie, die für Menschen weltweit die Rahmenbedingungen vorgab.  Wenn auch sonst kaum etwa lief: die Zeit zum Spielen war da. Dank einiger Lockerungen und der voranschreitenden Impf-Kampagne waren Brettspielrunden wieder möglich.

Pünktlich zum Jahresbeginn 2021 flammte Hoffnung auf: Der Impfstoff war da, die ersten Spritzen bereits gesetzt, die Immunisierung ermöglichte Spielern, für gemeinsame Runden an die Tische zurückzukehren. Das war durchaus ein Gewinn nach der langen Zeit des Verzichts im Vorjahr. Das Coronavirus dominierte den Alltag, aber etwas weniger. Ebenfalls ein Highlight: die Spiel’21 in Essen als Präsenz-Messe. Nach der Absage aufgrund der pandemische Lage im Jahr 2020 kehrten Fans zahlreich zurück in die Messehallen, wenn auch unter anderen Bedingungen. Nie zuvor hatte man sich die Internationalen Spieletage so herbeigesehnt wie im nun endenden Jahr 2021. Dass die SPIEL’21 stattfand, war nach längerer Zitterpartie eine kleine Überraschung: Man hatte gehofft, gewünscht, vielleicht gebetet – dennoch schien es zeitweise unrealistisch zu sein, dass man eine Messe mit Tausenden Besuchern mitten im pandemischen Herbst durchführen könnte. Irgendwann stand fest: Es geht und es wird passieren.

Was auf der Essener Messe gespielt wurde, war dann eine Zusammenfassung der angesagtesten Titel der Saison. Die begann gemächlich, brachte aber eine echte Innovation hervor: MicroMacro. Mit seiner Vision einer schwarz-weißen “Crime City” hatte der Spieleautor Johannes Sich für ein inzwischen weltweites Phänomen gesorgt – und ganz nebenbei ein neues Genre erschaffen. Ein Wimmelbild mit kooperativem Detektiv-Spielablauf, das gab es in dieser Form und spielerischen Intensität noch nicht. MicroMacro: Crime City wurde zu einem weltweiten Erfolg mit hundertausenden verkauften Exemplaren. Nachfolger wurde entsprechend frühzeitig angekündigt, inzwischen gibt es mit MicroMacro: Crime City 2 – Full House eine Fortsetzung. Dabei wird es allerdings nicht bleiben, das ist sicher. Kommerziell hat sich das Projekt für Pegasus Spiele und Kreativteam gelohnt, garniert wurde das mit Ganze mit dem Preis Spiel des Jahres 2021

Als nicht minder erfolgreich hat sich Paleo erwiesen, das die Auszeichnung Kennerspiel des Jahres 2021 abräumen konnte, angesichts der Konkurrenz in diesem Bereich war das eine Überraschung, wenn auch nur eine kleine.

Zwei Brettspiele machen noch keinen Jahrgang aus, vor allem keinen guten oder schlechten. Aber da war mehr im Jahr 2021: Beyond the Sun zum Beispiel, die Verlorenen Ruinen von Arnak, Dune: Imperium, Clash of Cultures, Die Crew: Mission Tiefsee, die Neuauflage von Descent samt App-Support, Die Abenteuer des Robin Hood, Die Rote Kathedrale – für so ziemlich jeden Spielertyp hielt das Jahr hochkarätige Titel bereit. Mit Arche Nova schloss Feuerland Spiele 2021 sogar mit einem der besten Brettspiele des Saison ab.

Auch andere Titel waren mehr als bloße Geheimtipps: The Loop, Abgrundtief, Insel der Katzen, So Kleever, Witchstone, Praga Caput Regni, Hadrians Wall – man könnte die Liste für das endende Jahr fortführen und hätte vermutlich immer noch zahlreiche gut oder gar hervorragende Brettspiele vergessen. Alles spielen? Das geht bei der Masse an Neuerscheinung längst nicht mehr. Selbst in den zurückliegenden Corona-Jahren wurde der Markt überflutet mit neuen Brett- und Kartenspielen, die man alle spielen will, aber nicht kann. Also muss selektiert werden, manchmal rigoros, um Zeit zu schaffen, für Titel, die nach mehr als bloß zwei oder drei Partien schreien: eines davon ist das bereits genannte Arche Nova. Das Zoo-Brettspiel wird Fans nicht nur über das gesamte Jahr 2022 begleiten, sondern auch darüber hinaus.

Und bei den Verlagen? Wer stach heraus im Jahr 2021? Brettspiele von den Giganten der Branche kommen einem in den Sinn – unser Favorit ist allerdings Flatout Games. Mit Brettspielen wie Calico, Cascadia, Verdant oder Dollars to Donuts hatte man zahlreiche beachtenswerte Titel veröffentlicht, die spielerisch allesamt überzeugten, wunderbar aussahen auf dem Tisch und zudem preislich fair waren.

Mit den Preisen von Brettspielen war das so eine Sache in 2021: subjektiv waren nicht wenige Titel überteuert und auch objektiv lassen sich nun Preissteigerungen feststellen. Die Pandemie und durch sie bedingte Ressourcenverknappung ist der Grund: Brettspiele werden teils deutlich teurer, durchschnittlich im Bereich zwischen fünf und zehn Prozent. Fans werden das Geld gern bezahlen, für Vielspieler sind Brettspiele längst zu einem Luxushobby geworden. Etwas Geld lässt sich zukünftig vielleicht sparen beziehungsweise aus anderen Quellen abziehen. Bei Kickstarter zum Beispiel. Die Plattform und ihre Projekte boomen nach wie vor, die Kostenexplosion durch Steuern und Versand haben allerdings dafür gesorgt, dass Fans deutlich selektiver vorgehen.

Oder aber Fans konzentrieren sich auf inländische Crowdfunding-Angebote, deren gibt es inzwischen nämlich viele. Für die Spieleschmiede war das zurückliegende Jahr ein Mammutjahr: Der König ist tot, Destilled, Die Verteid(ig)ung von Procyon III, Brass Lancashire, Scarface 1920 oder Wild Serengeti waren nur einige der erfolgreich mit Unterstützung des Schwarms finanzierten Projekte. Dass ursprünglich auf Kickstarter angestoßene Brettspiele inzwischen häufig auf Deutsch erscheinen, ist nicht nur der Spieleschmiede zu verdanken, sondern auch den ambitionierten Verlagen, die damit beweisen, dass sie ganz nah dran sind an den Wünschen der Spieler: Kleine Verlage wie Skellig Games oder Taverna Ludica Games haben sich in den Nischen etabliert, aber auch die Giganten der Branche sorgen in dem Bereich längst für die eine oder andere Überraschung: So erschien Calico als lokalisierte Version im Verlag Ravensburger – dort hätte man die Umsetzung vermutlich nicht unbedingt verortet.

Lizenzen waren auch in 2021 ein großes Thema: Star Wars, Marvel, Harry Potter – die populären Marken wurden zahlreich in Brett- und Kartenspiele umgesetzt. Inzwischen sind es auch immer wieder Videospiele, die den Sprung hin zu analogen Spielwelten schaffen. Assassin’s Creed, Dark Souls, Resident Evil, Cyberpunk 2077 – kaum ein populäres Computerspiel bleibt inzwischen ohne passende Brettspieladaption. Das könnte sich im Jahr 2022 und darüber hinaus noch intensivieren: Durch das Kaufinteresse der Embracer Group am Spielwarengiganten Asmodee könnte für Brettspieler eine Art Super-Kooperation entstehen, in deren Hinterhand sich zahlreiche namhaft oder interessante Marken befinden, die sich auch als Brettspiele verarbeiten ließen.

Letztendlich war 2021 bewegter als erwartet und spielerisch intensiver als gedacht. Ob der Jahrgang aber gut oder schlecht gewesen ist? Diese Frage kann jeder Spielende wohl nur für sich selbst beantworten. Fragte man uns, wir würden das endende Jahr als gutes bezeichnen.